Im Haus meines Vaters

Gehe ich durch das Haus meines Vaters, begegnen mir in jedem Raum Bilder eines kleinen Kindes, der Tochter meiner (Stief)schwester, die nun 18 Monate alt ist. Bereits im Flur lächelt sie mir aus mehreren Bilderrahmen entgegen. Großelternstolz. Was es hingegen im ganzen Haus nicht gibt: Ein Hochzeitsfoto von Ben und mir.

Ich liebe meine Nichte. Ich habe auch Fotos von ihr. Doch die Kluft zwischen der Euphorie für jedes ‚Nichte-Foto‘ und der Gleichgültigkeit gegenüber unseren Hochzeitsfotos schmerzt. Nicht nur, dass mein Vater keine aufgehangen hat, er hat bisher noch nicht mal welche bestellt. Dabei sind es sehr gute Fotos. Die Fotografin hat sich sehr viel Mühe gegeben und an dem sonnigen Apriltag hatten wir ideale Bedingungen zum Fotografieren. Aber es sind keine süßen Bilder. Es sind schöne Bilder.

Meine Schwester, die Mutter der Kleinen, hat im selben Jahr geheiratet, indem ihre Tochter geboren wurde. Und auch von ihr – kein einziges Hochzeitsfoto in der Wohnung meines Vaters.

Wann hat eigentlich der Aspekt der ‚Süße‘ den Aspekt der Schönheit so aus unserem ästhetischen Empfinden verdrängt?

Und was bedeutet es für unser Verhältnis zu Menschen, wenn wir die meiste Euphorie für sie aufbringen können, solange sie klein und süß sind? Auch meine Nichte wird älter. Irgendwann wird sie vielleicht selbst eine Braut sein. Ob die Wohnung meines Vaters dann auch noch mit ihren Bildern vollgestellt ist?

Ich bezweifel es.

 

 

 

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