Makel

Beim letzten Termin habe ich mit meiner Psychologin darüber diskutiert, ob ‚Kinder-Haben‘ in unserer Gesellschaft als eine Art von Leistung gesehen wird, die man erbringen soll und Kinderlosigkeit entsprechend als ein Makel. Meinem Eindruck nach steht man als kinderlose Frau unter ständigem Rechtfertigungsdruck und wird -sollte keine plausible Rechtfertigung erbracht werden können – erstmal als minderwertig betrachtet.

Meine Psychologin meint, das sei nur eine Projektion meiner eigenen Gefühle, besonders meines durch die Diagnose „Unfruchtbarkeit“ angeknacksten Selbstbildes.

Aber dann die Diskussion um die Kandidatur von May und Leadsome. Dabei geht es mir weniger um die konkreten Aussagen von Leadsome – mir ist schon klar, dass das Interview ungünstig wiedergegeben oder die Fragen suggestiv gewesen sein können. Traurig finde ich eher, dass Kinderlosigkeit einer Kandidatin überhaupt ein Thema wird, dass – als mögliche Schwäche – in einem Wahlkampf diskutiert werden muss.

Denn abgesehen davon, dass Unfruchtbarkeit eine Krankheit ist, die sich niemand aussucht, kann es viele  gute Gründe dafür geben, sich trotz Fruchtbarkeit dagegen zu entscheiden, eigene Kinder zu bekommen.

Und dann diese Idee, das man als Mutter „mehr Anteil habe an der Zukunft des Landes“. Das suggeriert ja, dass man nur an einer guten Zukunft für sein Land oder die Welt allgemein interessiert ist, da die eigenen Kinder dort leben müssen und man sonst denkt „Nach mir die Sinflut“. Das scheint mir ein recht negatives Bild des Menschen und des Politikers im Besonderen voraus zu setzen.

Ähnlich seltsam fand ich die Aussage in der letzten Muttertags-Predigt, dergemäß die Mütter „näher bei Gott sind“. Mmh… warum? Da scheint mir doch das klassische christliche Bild (Gott liebt alle Menschen aufgrund seiner Gnade) oder das antik-philosophische Bild  (Gott liebt die tugendhaften, guten Menschen) plausibler.

Nur zwei Beispiele, die mir das Gefühl geben, mit einem Makel behaftet zu sein, für das ich mich rechtfertigen muss. (Doktorarbeit geschafft und verheiratet. Und keine Kinder? Warum denn nicht? Die jungen Akademikerinnen heute sind ja nur an ihrer Karriere interessiert …. / Die junge Generation ist ja so egoistisch … ).

Ja, vielleicht ist es trotzdem Projektion, da ich mir nur solche Aussagen merke und andere gar nicht mitbekomme. Und ja, eigentlich sollte es mir auch egal sein, was die Gesellschaft über mein Leben denkt. Es sollte mir egal sein, ob andere mich für egoistisch/fern von Gott/nicht an der Zukunft der Welt interessiert halten, solange ich selbst weiß, dass das so nicht stimmt. Ist es aber nicht!

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