Praxis-Abend

Letzte Woche hatten wir als Krönung und Abschluss des Adoptionsseminar in unserer Heimatstadt den Praxis-und Austauschabend mit Adoptiv- und Pflegeeltern hier aus dem Umkreis. Das war eine sehr intensive Erfahrung.

Es waren alle Paare aus dem Seminar da und ungefähr genauso viele Adoptiv- oder Pflegeeltern. Die Eltern haben dann zuerst in der großen Runde etwas über ihre Familienleben erzählt. Anschließend gab es ein gemeinsames Abendessen und dann hatten wir als Bewerberpaare noch Gelegenheit, kurz mit jedem der Elternpaare einzeln zu sprechen. Zum Schluss gab es dann noch eine Reflexionsrunde in der großen Gruppe.

Insgesamt bin ich den Eltern sehr dankbar dafür, dass sie ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben. Die verschiedenen Geschichten darüber zu hören, wie die Familien zusammen gekommen sind und wie der Alltag als Adoptiv- oder Pflegefamilie aussieht, hat uns noch einmal in unserem Weg bestärkt und uns zugleich Hoffnung gemacht, dass es bei uns vielleicht bald auch klappen könnte.

Über Pfingsten hatte ich Geburtstag und wir haben einen Ausflug in einen großen Park gemacht. Natürlich waren überall Familien und ich musste daran denken, wie schön es wäre, wenn wir auch mit unserem Kind hier sein könnte. Und dann habe ich mich auch gefragt, ob unser zukünftiges Kind schon auf der Welt ist (oder zumindest schon gezeugt wurde) und wie es ihr/ihm wohl gehen mag. Hoffentlich hatte es auch schöne Pfingsten, wo immer es gerade auch sein mag.

Advertisements

Kirschbaum

Bei meiner Mutter im Garten haben wir vor vielen Jahren (zur Erinnerung an meine kurz zuvor gestorbene Großmutter) einen Kirschbaum gepflanzt. Um diese Jahreszeit trägt er wunderschöne weiße Blüten, die für uns den Frühling einläuten und den Bienen als Nahrung dienen. In seinen Zweigen baut jedes Jahr ein Vogelpaar sein Nest und an seinen Wurzeln leben alle möglichen kleinen Käfer, Raupen und Würmer. Im Sommer spendet sein Blätterdach uns Schatten und wandelt Kohlendioxid in Sauerstoff. Im Herbst basteln die Neffen und Nichten mit seinem Laub und den Rest kehren wir zusammen als Ruheplatz für Insekten und andere Tiere. Nur eines hat der Baum nicht vollbracht: Er hat noch nie auch nur eine einzige Kirsche getragen. Er hatte so nie die Chance auf einen Nachkommen. Unser Kirschbaum ist unfruchtbar.

Seit ich von meiner eigenen Unfruchtbarkeit weiß, habe ich diesen Baum besonders ins Herz geschlossen. Denn schon seit der Antike ist das unfruchtbare Feldes oder die unfruchtbare Pflanze ein beliebtes Bild für Unfruchtbarkeit beim Menschen. Und wer würde da nicht an Dürre denken, an Wüste, Vergeblichkeit, Verzweiflung, Tod, Nutzlosigkeit? Doch unser Kirschbaum bietet ein anderes Bild. Sicher, er kann nie einen anderen Kirschbaum hervorbringen (und wir können nie aus seinen Früchten Kirschmarmelade kochen), das ist schade. Aber er ist alles andere als ein Bild von Vergeblichkeit. Er ist voller Leben, weil er selbst lebt und weil er so vielen Lebewesen ein Zuhause bietet.

Der Alltag hat mich wieder

Die ersten Tage nach dem Seminar wartete ich auf eine ganz besondere Weise. Ich fühlte mich wie eine werdende Mutter. Ich rechnete jeden Tag mit einem Anruf, und zwar nicht nur in dem Sinne, das mir bewusst war, das jederzeit ein Anruf kommen könnte, sondern ganz konkret. Ich erwachte mit klopfenden Herzen, ließ mein Telefon keine Minute aus den Augen und und konnte es kaum fassen, wenn wieder Abend war und wieder kein Anruf gekommen war.

Das ist vorbei. Der Anruf ist nicht mehr mein erster Gedanke beim Aufwachen und mein letzter beim Einschlafen. Mein Telefon liegt wieder die meiste Zeit des Tages in irgendeiner Ecke, auf lautlos gestellt. Es gibt wieder so viel anderes, das mich beschäftigt. Ich fühle mich nicht mehr als werdende Mutter. Ich fühle mich wieder kinderlos, ungewollt kinderlos, traurig kinderlos.

Es ist mir nicht gelungen, diese ganz konkrete Hoffnung, dieses ganz konkrete Vertrauen, das uns das Seminar gegeben hat, zu erhalten. Sicher weiß ich, dass wir die Chance auf einen Anruf haben. Aber dieses Wissen hat nicht genug Inhalt, um ein Gefühl des Mutter-Werdens aufrecht zu erhalten, wenn sich nichts vom Mutter-Werden im Alltag zeigt.

Das finde ich schade. Penelope muss das besser gelungen sein als mir. Ich glaube, sie hat wirklich jeden Tag die Möglichkeit gefühlt (nicht nur gewusst), das Odysseus‘ Schiff heute im Hafen einlaufen kann. Andernfalls, denke ich, hätte sie es nicht ausgehalten, durch das Auflösen und Knüpfen des immer selben Gewebes in ihrem Warten zu verharren. Sie hätte wohl aufgegeben, getrauert und dann einen der vielen Freier geheiratet.

 

 

Immer noch warten, aber anders

„Bald könnte es so weit sein“. Mit diesem Gedanken wache ich auf und mit diesem Gedanken schlafe ich ein. Ich sehe den nächsten Tag vor mir, all das, was ich geplant habe und denke: „Irgendwann dazwischen könnte der Anruf kommen und dann ist nichts mehr, wie es war. Vielleicht im Zug, vielleicht in der Mensa, vielleicht in der Umkleide des Schwimmbades.“ Zwischen 9:00 und 17:00  schaue ich immer mal wieder auf mein Handy. Vielleicht habe ich ja doch einen Anruf versäumt. Nach 17:00 schwinden meine Hoffnungen so langsam, nur um dann mit den Gedanken an den neuen Tag wieder zu erwachen.

Ich dachte eigentlich, nach all den Jahren würde ich alle Facetten des Wartens kennen. Doch das hier ist ein Warten von neuer Qualität. Nicht mehr das Warten auf ein weit entfernt scheinendes Ziel, sondern das Gefühl, das das Erträumte, das das, was mein Leben umwerfen wird, ganz nah und doch noch unerreichbar ist.

Heute war ich in der Stadt, in der Ben und ich zuvor gewohnt haben. Ich habe eine Kerze entzündet in dem Dom, in dem ich früher so oft um eine Schwangerschaft gebetet habe.  Doch nun leuchtet die Kerze für einen anderen Traum und soll das künftige Kind auf seinem vermutlich nicht leichten Weg zu uns schützen.

Und ich ging wieder den Stadtring mit all seinen blühenden Bäumen entlang. Ich kenne keinen schöneren Ort im Frühjahr. Hier haben wir vor fünf Jahren im April auf einer halbschattigen Bank mit unserem Versuch begonnen, eine Familie zu werden. Hier haben wir vor drei Jahren im April unsere Hochzeitsfotos gemacht. Und hier haben wir im letzten April Abschied von unserem Wunsch nach einem leiblichen Kind genommen.

In einer perfekten Geschichte hätte hier mein Telefon geklingelt und „der Anruf“ wäre gekommen. Alles hätte sich dort vollendet, wo es begonnen hat. Das Leben ist nicht so. Ich saß also nur eine Zeit auf „unserer“ Bank, tat dann das, wofür ich eigentlich in die Stadt gekommen war und fuhr wieder nach Hause.

Da ich ohnehin in die Drogerie musste, gab es dann wieder einen meiner „Trostkäufe“. Mein zukünftiges Kind ist nun also auch stolze*r Besiter*in eines gelben Lätchens mit Teddymotiv, eines Badethermometers in Form eines blauen Fisches und fünfer Babylöffel in verschiedenen Farben.

Ein kleines bisschen Herzensschwanger

Am letzten Seminartag vor einer Woche sprachen wir dann noch über mögliche Treffen mit den leiblichen Eltern der Kinder und spielten in Gruppen durch, wie ein solches Treffen ablaufen könnte. Außerdem sprachen wir über die Aufklärung der Kinder über ihre Herkunft, d.h. wer (wir natürlich), wann (sobald wie möglich) und wie (dazu haben wir verschiedene ‚Strategien‘ überlegt).

Außerdem wurden wir über die weitere Zusammenarbeit mit der Vermittlungsstelle informiert.

Jetzt folgt im Mai noch ein Austauschtag mit Adoptiv-und Pflegeeltern. Und in der nächste Woche erfahren wir, wann unser Termin für das Abschlussgespräch ist. Nach diesem sind wir dann – hoffentlich – offiziell anerkannte Adoptivbewerber.

Die Jugendamtmitarbeiterinnen haben aber auch deutlich gemacht, dass der Austauschtag und das Abschlussgespräch (anders als das Seminar) keine unbedingten Voraussetzungen sind, um als Eltern für ein Kind in Frage zu kommen.

Ab jetzt können wir somit mit einem Anruf rechnen, auch wenn wir noch nicht die offizielle Anerkennung haben. Wir sind also schon ein ganz kleines bisschen Herzenssschwanger.

Die Konsequenz: In der letzten Woche habe ich zigmal auf mein Handy und mein Bürotelefon gestarrt, in der verrückten Hoffnung, die Jugendamtsmitarbeiterin möge angerufen haben. Dass das Seminar stattgefunden hat, hat mich wohl etwas zu euphorisch gemacht…

Angerufen hat natürlich noch niemand. Also machen wir nun wieder, was wir in den letzten fünf Jahren meist gemacht haben: Wir warten.

Der weitere Seminarverlauf

In den letzten beiden Tagen haben wir viel gelernt und viele Fragen an die Hand bekommen, über die wir nachdenken können.

Am Mittwoch morgen (zweiter Seminartag) haben wir zunächst ausführlich über die rechtliche Situation in der Adoption und der Pflege gesprochen. Es ist ja ein Seminar für Adoptiv- und Pflegebewerber. Insgesamt interessieren sich drei Paare eher für Pflege und vier eher für Adoption, aber nach den ausführlichen Informationen gestern ist das Thema ‚Pflege‘ für uns auch wieder aktueller geworden.

Am Nachmittag sprachen wir dann über die medizinischen Risiken, die ein Adoptiv-oder Pflegekind mitbringen kann.

Heute haben wir uns vor allem mit den Vorgeschichten der Kinder auseinandergesetzt, sowohl mit den vorgeburtlichen Erfahrungen wie auch mit Situationen und Traumata (Misshandlungen, Vernachlässigungen, Missbrauch), die ein Kind nach der Geburt erleben kann. Dabei ging es besonders darum, sich in die Situation eines traumatisierten Kindes einzufinden (Wie erlebt es Erwachsene/Eltern? Welchen Eindruck hat es von der Welt?)

Außerdem lernen wir die drei Phasen der Integration eines Kindes in die neue Familie (Anpassung, ‚Aufarbeitung von Konflikten und traumatischen Situationen‘ /Übertragung auf die annehmenden Eltern, regressives Verhalten). Anhand von Fallbeispielen erarbeiteten wir zudem in Gruppen Wege, wie man mit bestimmten Situationen (besonders in der Phase der Übertragung) umgehen könnte.

Der Tag heute war für uns der härteste und emotional aufwühlendste Teil des Seminars. Es ist so schwer und traurig sich vorzustellen, was kleine Kinder durchleiden müssen und was ihnen dann auch gerade noch von den Menschen angetan wird, die sie beschützen sollten.

Aber wir haben heute natürlich auch unheimlich viel gelernt, was uns später bestimmt sehr bei dem Beziehungsaufbau mit unserem Kind helfen wird.

Besonders nützlich fand ich den Tipp, ein Kind nicht immer zu fragen, warum es etwas tut (dazu würde ich intuitiv wahrscheinlich neigen), sondern dem Kind eher ein Interpretationsangebot zu machen, z.B. „Du rufst (nachts) alle paar Minuten nach uns. Hast du Angst, dass wir weggehen? Möchstest du sehen, dass wir noch da sind. Das verstehe ich. Es ist ja ganz schrecklich für ein Kind, wenn es Angst haben muss, allein zu sein. Soll ich bei dir im Zimmer (oder vor deiner Tür schlafen), damit du keine Angst haben musst, dass du plötzlich allein bist.“ (Wenn das Kind noch sehr klein ist, muss man es vielleicht einfacher formulieren).

Erster Seminartag

Heute hat bei schönstem Frühlingswetter unser Bewerberseminar begonnen. Wir sind eine Gruppe von sieben Paaren, vier Paare aus unserer ‚Heimatstadt‘ und drei Paare aus anderen Kreisen. In unserer Stadt scheint es wirklich wenig Adoptivbewerber zu geben, wenn nach eineinhalb Jahren nur vier Paare teilnehmen. Da bin ich wirklich froh, dass sich noch Paare aus anderen Kreisen zur Teilnahme bereit erklärt haben, sonst hätte das Seminar wohl wieder nicht stattfinden können.

Den Morgen verbrachten wir mit intensiven Vorstellen und Kennenlernen, wobei auch schon Vorstellungen von Familie und Motivationen für den Adoptionswunsch zur Sprache kamen. Nach der Mittagspause tauschten wir uns  dann in zwei Gruppen (Frauen und Männer getrennt) über unsere ungewollte Kinderlosigkeit aus. Das war natürlich kein leichtes Thema, da viele schmerzhafte Erinnerungen hochkamen. Trotzdem war ich erleichtert, dass wir darüber gesprochen haben, und das Thema nicht (wie im SKF-Seminar) ständig wie der berühmte Elefant im Raum stand, an den zwar jeder denkt, aber der aus irgendwelchen unverständlichen Gründen nicht angesprochen werden kann.

Nach Kaffee und Kuchen lernten wir dann zum Abschluss des Tages etwas über den Verlauf eines Vermittlungsverfahren. Außerdem sprachen wir darüber, was überhaupt einer positive Bindung zwischen Eltern und Kindern ausmacht.

Insgesamt haben wir uns sehr wohl gefühlt und sind gespannt, wie es morgen weitergeht.