Das Seminar – eine neue Sackgasse tut sich auf

Am Wochenende waren wir im Adoptions-und Pflegeelternseminar meiner „Arbeitsstadt“. Eigentlich wollte ich ja jeden Abend berichten, doch ich war einfach zu müde. Deshalb kommt heute der „Nachbericht“.

Tag 1:

Nach einer  Kennlernrunde hat das Seminar mit einer Gruppenarbeit begonnen, in der wir die Motivation zur Aufnahme eines Kindes reflektieren sollten. Anschließend haben die Seminarleiter*innen uns  Informationen über die Situation der Herkunftsfamilien gegeben. Nach einer Reflexionsrunde war der Abend dann auch schon vorbei.

Tag 2:

Der Morgen begann damit, anhand von Kinderbildern über unsere eigenen Wünsche zu reflektieren. Die Aufnahme welches Kindes könnte ich mir vorstellen? Und warum? Wo lägen meine Grenzen? Anschließend gab es einen Vortrag über möglich vorgeburtliche Belastungen von Säuglingen (Traumata, Alkoholmissbrauch, etc.), die zur Adoption gegeben werden. Nach der Mittagspause haben wir uns in Gruppen mit verschiedenen Situationen auseinandergesetzt, in denen vom Jugendamt aus Familien genommen werden. Dabei sollten wir uns vor allem damit auseinandersetzen, welche Gefühle und welche Bilder von Familie bei Kindern in solchen Situationen entstehen und wie sich dies auf das Leben einer Pflegefamilie auswirken kann. Zum Abschluss des Tages wurde ein Rollenspiel gemacht, in dem wir eine Pflegefamilie darstellen sollten, die ein siebenjähriges Kind aufnimmt.

Tag 3:

Der Morgen begann mit einem Rollenspiel, indem ein Besuchskontakt im Rahmen der Pflege simuliert wurde. Wir sollten uns vor allem überlegen, welche Botschaften wir einem Pflegekind über seine Herkunftseltern geben könnten, die einen positiven Kontakt ermöglichen. Es wurden aber auch negative Szenen nachgespielt, in denen die Pflegeeltern und die Herkunftseltern das Kind beim Besuchskontakt regelrecht ‚zerreißen‘. Der Rest des Tages war der rechtlichen Situation bei der Adoption und der Pflege gewidmet. Zum Abschluss ging es noch einmal um die eigenen Vorstellungen. Uns wurden fiktive Kinderprofile vorgestellt und wir sollten mit unserem Partner diskutieren, ob wir uns die Aufnahme vorstellen könnten. Ganz zum Schluss gab es natürlich die obligatorische Abschlussrunde mit Feedback.

Wir waren sehr erleichtert, dass das Seminar stattgefunden hat und wir haben auch eine Menge gelernt. Trotzdem sind wir uns nicht sicher, ob es für uns beim SkF meiner ‚Arbeitsstadt‘ weitergehen kann und ob uns das Seminar überhaupt auf unserem Weg ‚weitergebracht‘ hat. Und zwar aus den folgenden Gründen

Im Seminar verstärkte sich noch einmal stark der Eindruck, dass die Vermittlungsstelle vor allem Pflegeeltern für schon ältere und schwer traumatisierte Kinder sucht (andere Pflegekinder werden in meiner Arbeitsstadt über das Jugendamt vermittelt). Bei allen Rollenspielen und Gruppenarbeiten stand die Pflege im Vordergrund. Adoption war natürlich auch ein Thema, stand aber nie im Zentrum.

Dies wäre vielleicht noch egal, wenn sich die meisten Bewerber auch für Pflegekinder interessiert hätten und wir eines der wenigen Paare gewesen wären, die wegen einer Adoptionsbewerbung dagewesen wären. So war es aber nicht. Außer einem Paar wollten alle anderen Paare adoptieren. (Wir waren insgesamt sieben Paare). Zudem waren die anderen Paare weit qualifizierter als wir. Wir waren das einzige Paare, von dem nicht mindestens ein Partner beruflich mit Kindern arbeitet oder zumindest eine pädagogische Ausbildung hat. Wenn ich dann bedenke, dass die Vermittlungsstelle höchstens ein bis zwei Adoptionen pro Jahr vermittelt, es aber zwei Seminare im Jahr gibt und dann noch sehe, dass meine Mitbewerber weit beeindruckendere Qualifikationen haben, dann kann ich mir ja ausrechnen, dass unsere Chancen, hier ein Kind zu adoptieren gegen Null gehen.

Deshalb fragen wir uns jetzt natürlich schon: Sollen wir wirklich viel Geld für eine private Vermittlungsstelle bezahlen, wenn wir die Chancen so schlecht einschätzen?

Hinzu kommt, dass uns die Seminarleiter*in gesagt hat, dass sie erst dann endgültig über unsere Anerkennung entscheiden können, wenn sie eine Einschätzung unseres Heimatjugendamtes haben. Das macht natürlich die ganze Idee zunichte. Wir sind ja zu der privaten Vermittlungsstelle gegangen, weil wir gehofft hatten, dass dies ein Weg ist, dass Adoptionsverfahren voranzubringen, auch wenn in unserer ‚Heimatstadt‘ im Moment aufgrund der niedrigen Bewerberzahlen kein Seminar stattfinden kann und unsere Anerkennungsverfahren deshalb seit  Monaten stockt. Wenn nun aber die private Vermittlungsstelle auf die Entscheidung des Heimatjugendamtes wartet, ehe sie uns endgültig als Bewerber anerkennt, stecken wir genauso fest wie zuvor. Damit ist für mich jeder Vorteil einer privaten Vermittlungsstelle hinfällig.

Wir sind also – nach vielen Mühen – wieder genauso weit wie vorher und völlig ratlos.

 

 

 

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Noch 48 Stunden

In zwei Tagen sollte unser Adoptiv- und Pflegeeltern-Seminar vom SKF beginnen. Und noch hat keiner abgesagt! Ich beginnen langsam damit, mich ganz vorsichtig zu freuen. Richtig glauben tue ich es aber erst, wenn wir wirklich im Seminarraum sitzen.

Mit der Freude kommt die Aufregung. Ich würde mich gerne so richtig gründlich vorbereiten – so wie früher auf die Universitätsprüfungen – ich weiß bloß nicht wie. Es wird ja kein Lernstoff abgefragt. Stattdessen wird unsere ‚Empathiefähigkeit‘ begutachtet, sowie unser Verhalten in der Gruppe, also unsere Offenheit, Kooperationsbereitschaft, etc. Darauf kann ich mich schlecht vorbereiten. Da bleibt wohl nur, das Beste zu hoffen.

Auf irgendeiner Internetseite (also: eventuell keine zuverlässige Quelle) habe ich gestern die ermutigende Zahl gelesen, dass nur 2-3% der Anträge auf Anerkennung als Adoptivbewerber abgelehnt werden. Ich will das jetzt einfach mal glauben und mache mich nicht daran, die Quelle zu prüfen.

Kann ich ein Spiegel sein?

In meinem letzten Beitrag schrieb ich ja, dass ich nicht denke, dass es einen wichtigen Unterschied macht, ob ich mit dem Adoptionsverfahren beginne, weil ich mir ein Kind wünsche (egoistische Motivation) oder weil ich einem Kind helfen will (altruistische Motivation), bzw. bin ich mir gar nicht sicher, ob diese Unterscheidung hier angemessen ist, da der eigene (egoistische) Wunsch eben gerade darin besteht, ein Kind anzunehmen und ihm/ihr eine Mutter zu sein. Nun muss ich hier jedoch eine Einschränkung machen: Dass der Wunsch, ein Kind aufzunehmen, ein eigener (egoistischer) Wunsch ist, ist nur dann egal, wenn dieser Wunsch nicht mit dem Bedürfnis verknüpft ist, das Kind ’narzisstisch zu besetzen‘, um das eigene Selbstbild zu stabilisieren.

Wie komme ich zu dieser Einschränkung? In Vorbereitung auf das SKF-Seminar lese ich gerade das Buch „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ von Alice Miller (Suhrkamp 1979), das mir ein wenig die Augen geöffnet und mich – das muss ich zugeben – auch ein wenig beunruhigt hat.

In dem Buch geht es, kurz gesagt, um die Ursachen der narzisstischen Störung in der frühen Kindheit. Eine narzisstische Störung grenzt die Autorin von einem „gesunden Narzissmus“ ab, der darin besteht, sein wahres Selbst – das heißt seine wahren Bedürfnisse und Gefühle – zu kennen und anzunehmen.

Um einen solchen „gesunden Narzissmus“ zu entwickeln, muss der Säugling oder das Kleinkind Gelegenheit dazu haben, seine Mutter (seinen Vater/seine Hauptbezugsperson) narzisstisch zu besetzen, d.h. es muss sich in seinen Eltern als das, was es wirklich ist, spiegeln können:

„Am schönsten lässt sich das veranschaulichen mti einem Bild von Winnicott: Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Anlitz der Mutter und findet sich selbst darin … vorausgesetzt, daß die Mutter wirklich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste und Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert.“ (S. 59, alle Hervorhebungen aus dem Original).

Ist die Mutter (der Vater/die Bezugsperson) jedoch selbst „narzisstisch bedürftig“, das heißt, hat sie selbst keinen „gesunden Narzissmus“ entwickeln können, da ihr in der Kindheit „der Spiegel“ fehlte, so wird sie (unbewusst und unabsichtlich) einen Spiegel in ihrem Kind suchen. Die Folge ist für das Kind gravierend, vor allem, wenn es die Bedürftigkeit der Mutter spürt und aus seinem Überlebenstrieb und seiner Abhängigkeit heraus versucht, das Selbstbild der Mutter zu stabilisieren, also der Spiegel zu werden, in dem sich die Mutter (als ihr eigenes Idealbild) sehen kann. In diesem Fall wird das Kind keinen Bezug zu seinem wahren Selbst finden können: „Im letzteren Fall findet das Kind im Anlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen.“ (59-60).

Die Frage, die ich mir stellen muss, ist also: Kann ich ein solcher Spiegel für mein Kind sein? Ist mein eigenes Selbstbild so stabil, dass sich dazu fähig bin, mich narzisstisch besetzen zu lassen? Oder suche ich selbst einen Spiegel? Habe ich im schlimmsten Fall vielleicht mein Wunschkind in der Fantasie sogar schon narzisstisch besetzt?

Die Beantwortung dieser Frage ist schwieriger, als sie auf den ersten Blick erscheint? Ich halte mich nicht für narzisstisch, aber das tun wohl die meisten Narzissten nicht. Oder wie  Miller Freud zitiert: „Der schlimmste Egoist ist der Mensch, dem es noch nie in den Sinn gekommen ist, daß er ein Egoist sei.“  Dasselbe trifft auf den Narzissmus vermutlich auch zu.

Der Schlüssel zu der Frage, ob ich selbst ’narzisstisch bedürftig‘ bin (und deshalb in Gefahr gerate, mein Kind als Spiegel zu missbrauchen statt ihm ein Spiegel zu sein), muss in meiner eigenen Kindheit liegen. Wie ich hier schon oft erwähnt habe, habe ich meine Kindheit als sehr schön in Erinnerung. Aber Erinnerungen an Schwierigkeiten in der frühen Kindheit verbergen sich eben auch oft hinter idealisierten Erinnerungen.

Auch eine starke Liebe zum eigenen Kind ist keine Garantie dafür, dass man es nicht als Spiegel verwendet. Im Gegenteil, jeder narzisstisch bedürftige Mensch ist demjenigen, in dem er sich als Idealbild spiegeln kann, mit einer oft fast abgöttischen Liebe zugetan. Aber er liebt eben nicht wirklich diesen Menschen als das, was er ist, sondern seine Spiegelung in ihm, die sich beim Kind dann als „falsches Selbst“ manifestiert. Der Zugang zum wahren Selbst wird hingegen gekappt, da das Kind seine wahren Bedürfnisse und Gefühle nur erkennen und annehmen kann, wenn es die Gewissheit hat, als das, was es ist (und nicht nur als das, was es für die Eltern darstellt), geliebt zu werden.

Und das möchte ich meinem Kind natürlich bieten: eine Liebe, die sich auf das und nur auf das richtet, was es ist. Aber die Triebe des Unbewussten können eben stärker sein als jede noch so gute Absicht des Ichs. Deshalb habe ich schon Angst, hierbei einen Fehler zu machen und das Kind, wenn es mir die Jugendamtsmitarbeiterin zum ersten Mal in die Arme legt, nicht als das sehen zu können, was es ist, sondern nur als das, was ich mir immer gewünscht habe.

Ich muss also lernen, ein Spiegel zu sein statt in einen Spiegel zu schauen. Diese Bücher lesen und über die mögliche Gefahr einer ’narzisstischen Besetzung‘ des Kindes nachzudenken, ist gewiss ein erster Schritt dazu. Dann werde ich aber auch noch einmal über meine eigene Kindheit nachdenken müssen. War wirklich alles so ideal, wie ich es in Erinnerung habe?

 

Berufsberatung

Immer mal wieder, wenn Leute von unserer ungewollten Kinderlosigkeit erfahren, bekomme ich den folgenden Ratschlag: „Dann such dir doch einen Job, wo du mit Kindern arbeiten kannst.“  Von Menschen, die mich ein bisschen besser kennen und wissen, wie sehr ich meinen jetzigen Job mag, höre ich oft eine abgeschwächte Variante desselben Rats: „Mach doch irgendwas Ehrenamtliches mit Kindern.“ Diesen Ratschlägen – so gut sie auch gemeint sein mögen – scheinen gewisse Vorurteile darüber zugrunde zu liegen, warum ich mir Kinder wünsche:

1. Du wünscht dir Kinder, weil du das Gefühl willst, gebraucht zu werden.

Nun ja, wenn es nur das wäre, dann wäre mein Problem wirklich banal und einfach zu lösen. Wenn mir meine Arbeit und meine privaten Beziehungen nicht schon genug das Gefühl geben würden, gebraucht zu werden, könnte ich problemlos andere Aufgaben finden. Mein Engagement bei amnesty könnte ich jederzeit ausweiten und unsere Kirchengemeinde ist auch stets auf der Suche nach ehrenamtlichen Kräften in allen möglichen Bereichen. Wäre das der Kern meines Problems und meiner Trauer, hätte ich es längst schon gelöst, auch ohne kluge Ratschläge.

2. Du wünschst dir Kinder, um deinen Leben Sinn zu geben.

Die Sinnfrage beschäftigt mich ja beruflich oft, trotzdem kann ich nicht behaupten, schon eine befriedigende Antwort darauf gefunden zu haben. Doch ich glaube nicht, dass das Gebären und/oder Erziehen eines Kindes mir in der Beantwortung dieser Frage helfen wird. Eine weitere Generation hervorzubringen kann ja nicht an sich der Sinn des Lebens sein, vielmehr setzt der Wunsch danach doch voraus, dass es einen davon unabhängigen Sinn gibt, der es wiederum sinnvoll macht, eine weitere Generation ins Dasein zu bringen.

3. Du wünschst dir Kinder, weil du gerne Zeit mit Kindern verbringst.

Das mag jetzt komisch wirken, aber selbst diese Aussage würde ich in ihrer Allgemeinheit nicht zustimmen. Natürlich gibt es Kinder, mit denen ich sehr gerne Zeit verbringe. Aber das trifft auf Erwachsene genauso zu. Ebenso gibt es Kinder – ebenso wie Erwachsene – mit denen ich weniger gerne Zeit verbringe. Und auch wenn ich an meine beruflichen Erfahrungen denke – während meiner Doktorandenzeit habe ich bei einem privaten Nachhilfeinstitut Grundschüler unterrichtet – kann ich nicht behaupten, dass mir das Unterrichten von Kindern prinzipiell mehr Befriedigung gibt wie das Unterrichten von Erwachsenen. Selbst mein Traum von einer eigenen Familie ist nicht auf die Baby-und Kinderjahre beschränkt, ja nicht mal auf diese fokussiert. Natürlich freue ich mich auf all die Erlebnisse, die mit diesen Jahren verbunden sind: die ersten Schritte, die ersten Worte, das Baby in den Schlaf singen. Genauso sehr freue ich mich aber auch darauf, mit unserem dann irgendwann älteren oder sogar schon erwachsenen Kind das erste WG-Zimmer einzurichten oder „erwachsene“ Gespräche über Politik, Kunst, etc. zu führen.

Wenn all diese Gründe nicht zutreffen, warum wünsche ich mir dann überhaupt, ein Kind zu bekommen? Ich glaube, was meinen Wunsch primär motiviert, ist die Sehnsucht nach dieser ganz besonderen Art von Beziehung, die sich dadurch ergibt, dass man (1) einen Menschen dessen gesamtes Leben lang kennt oder von diesem das ganze Leben hindurch gekannt wird und dass man (2) mit diesem Menschen während dieser ganzen Zeit hindurch in intensiven Kontakt steht.

Im Moment habe ich eine solche Beziehung zu meiner Mutter und zu meiner jüngeren Schwester. Diese Beziehungen haben für mich einen besonderen Charakter, der sich auf keine andere Beziehung reduzieren lässt. Ich will damit gar nicht sagen, dass diese Beziehungen besser sind als andere Arten von Beziehungen, aber eben auf eine bestimmte Art besonders, die ich nicht in Worten ausdrücken kann. Und da ich diese Art von Beziehung als sehr positiv erlebt habe und sie mein Leben enorm bereichert haben, ist der starke Wunsch entstanden,  durch die Gründung einer eigenen Familie neue Beziehungen dieser Art zu etablieren.

Dies ist natürlich im beruflichen oder ehrenamtlichen Kontext nicht möglich. Erstens begleitet man dort Kinder oder Jugendliche nur für eine bestimmte Zeit ihres Lebens – wodurch sich natürlich auch gute Beziehungen entwickeln können, aber ganz andere als die, die ich meine – und zweitens ist man in der beruflichen (ehrenamtlichen) Stellung zu einem gewissen ‚professionellen Abstand‘ verpflichtet. Ich kann ja einen Schüler nicht mehr fair benoten, wenn ich ihn oder sie wie ein eigenes Kind liebe.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Gründung einer eigenen Familie die einzige Chance ist, eine solche Beziehung aufzubauen, wie ich sie oben beschrieben habe. Eine meiner (ungewollt kinderlosen) Cousinen hat eine solche Beziehung z.B. zu ihren Patenkindern. Dies ist aber nur möglich, weil zwei Bedingungen gegeben sind: Sie wohnt in derselben Stadt wie ihre Patenkinder und ihre Schwester ist damit einverstanden, dass sie sehr aktiv an deren Familienleben Anteil nimmt. Zu meinem Patenkind konnte ich keine solche Beziehung aufbauen, da beide Bedingungen nicht zutreffen. Es liegen mindestens 500 km zwischen uns und meine Stiefschwester und ich haben keine so innige Beziehung, dass es ihr Recht wäre, wenn ich da jeden zweiten Tag vor der Tür stände. Mag sein, dass das anders ist, falls meine jüngere Schwester Kinder bekommen sollte. Vielleicht aber auch nicht. Im Moment wohnt sie nicht gerade in der Nähe (200 km) und ich bin mir auch nicht sicher, wie viel ‚Patentanten-Engagement‘ sie sich überhaupt wünschen würde.

Deshalb: Die Sehnsucht nach einer bestimmten Art von Beziehung, die wesentlich für meinen Kinderwunsch ist, lässt sich nicht so einfach auf andere Art und Weise erfüllen.

Ich weiß, dass das alles sehr selbstbezogen und egoistisch klingt. Ich weiß, dass ein Kind nicht dazu da ist, meine Sehnsüchte zu erfüllen. Es muss umgekehrt sein: Das Kind braucht eine Bezugsperson und meine Aufgabe als (Adoptiv-)Mutter ist es, dem Kind ein ‚Beziehungsangebot‘ zu machen. Aber in meiner Sehnsucht, eine Beziehung wie die oben beschriebene zu etablieren, ist ja die Bereitschaft zu genau dem eingeschlossen: Was ich mir sehnlichst wünsche, ist ja gerade, einem Kind das ‚Angebot‘ machen zu können, es sein Leben lang zu begleiten und zu lieben, es zu erziehen und ihm einen Halt in der Welt zu geben. Die Trennung zwischen einem ‚egoistischen‘ Wunsch (böse) und einer ‚altruistischen‘ Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen (gut), scheint mir hier deshalb überhaupt nicht tragfähig zu sein.

Kennlerngespräch beim SKF

Am Mittwochmorgen war es dann so weit – wir fuhren zum Kennlerngespräch bei der Adoptionsvermittlungsstelle des SKF in meiner ‚Arbeitsstadt‘. Leider war das Gespräch eher ernüchternd. Nicht, dass die Mitarbeiterin nicht nett gewesen wäre. Sie war sogar sehr nett, wirkte sehr erfahren und hat sich viel Zeit für uns genommen.

Doch es wurde schnell deutlich, dass sie eigentlich eher Pflegeeltern als Adoptiveltern suchen. Und zwar spezielle Pflegeeltern. Bei uns im Bundesland gibt es nämlich ein bestimmtes Modell von Pflegefamilien, die Kinder aufnehmen, die besonders intensive Betreuung brauchen (oft weil sie schwer traumatisiert sind, teils aber auch wegen Behinderungen oder anderer Probleme). Diese Pflegefamilien bekommen eine intensivere Begleitung und teils auch mehr Pflegegeld. Die Kinder sind meist älter, meist findet die Vermittlung im Kindergarten- oder Grundschulalter statt. Und die Vermittlung für diese Art von Pflegefamilie läuft in meiner ‚Arbeitsstadt‘  über das SKF.

Das Modell ist sicher sehr gut. Aber ich muss leider sagen, dass ich mir das für uns gar nicht vorstellen kann. Ich traue mir das einfach nicht zu.

Adoptionen vermittelt der SKF in meiner ‚Arbeitsstadt‘ zwar auch, aber meist nur eine im Jahr, manchmal bis zu drei. Klar, eine kleine Chance ist besser als gar keine, aber hier in meiner ‚Heimatstadt‘ sehen die Zahlen halt schon anders aus. Hier werden 6 bis 8 Adoptionen pro Jahr vermittelt.

Zudem ist es wohl nicht so, dass wir, wenn wir erstmal eine Anerkennung vom SKF in meiner ‚Arbeitsstadt‘ haben, uns auch bei anderen SKFs bewerben können. Die Anerkennung gilt nur für den SKF in meiner Arbeitsstadt und wenn wir uns bei einem anderen SKF bewerben wollen, müssen wir das gesamte Verfahren noch einmal durchlaufen. Das heißt, wenn wir in zwei Jahren umziehen müssen (was wahrscheinlich ist), fangen wir wieder ganz von vorne an.

Das Ernüchternste war aber, dass die Mitarbeiterin uns zum Abschied sagte, dass sie noch nicht sicher weiß, ob das Seminar im Oktober stattfinden wird. Noch sind nicht genug Anmeldungen eingegangen. (Kommt mir irgendwie bekannt vor….). Falls nicht, ist das nächste Seminar in einem halben Jahr (Kommt mir auch irgendwie bekannt vor…. ).

Kurz zusammengefasst: Wir sind wieder mal völlig im Ungewissen, wie es weitergehen soll.

„24 Wochen“ – Eine Diskursverweigerung

Sonntagabend haben Ben und ich uns den Film „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached angeschaut. Der Plot lässt sich grob so zusammenfassen (Achtung: Spoiler!): Ein beruflich erfolgreiches und wohlhabendes Paar (sie ist Kabarettistin und er ist ihr Manager) erfahren, dass ihr zweites Kind am Down-Syndrom erkrankt sein wird. Das Kind leidet zudem an einem mit Trisomie 21 verbundenen Herzfehler, der eine schwere Operation kurz nach der Geburt notwendig macht. Die Mutter entscheidet sich für eine Spätabtreibung im siebten Monat. (Ich sage hier bewusst „die Mutter“, da zum Plot gehört, dass der Vater mit der Entscheidung nicht einverstanden ist. Er möchte, dass die beiden das Kind zusammen großziehen).

Wir dachten, dieser Film wäre vielleicht auch für uns interessant, da wir uns bei all den Formularen, die wir für die Adoptionsvermittlung ausfüllen müssen, auch immer wieder diese Frage stellen: Trauen wir uns zu, ein behindertes Kind großzuziehen?

Leider war der Film enttäuschend. Das fing schon mit der Grundkonstellation an. Das Paar hatte eigentlich ideale Bedingungen dafür,  ein behindertes Kind großzuziehen: eine sehr gute finanzielle Absicherung, eine Großmutter, die bereit war, bei dem Paar einzuziehen und 24 Stunden bei der Pflege des Kindes zu helfen. Das heißt natürlich nicht, dass sich mit Geld und familiärer Unterstützung alle Probleme beseitigen lassen, die mit der Betreuung eines kranken oder behinderten Kindes verbunden sind. Aber die Probleme des Paares hatten wenig mit den Sorgen zu tun, die ich mir mache, wenn ich beim Jugendamt die Frage beantworten soll, ob ich mir die Erziehung eines behinderten Kindes zutraue. Und wahrscheinlich auch wenig mit den Sorgen der meisten Menschen, die eine Diagnose wie „Trisomie 21“ erhalten.

Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Ärgerlicher war, dass die Hauptprotagonisten von Beginn des Filmes an sehr unsympathisch sind. Das hat es schwer gemacht, mich in ihre Situation hineinzuversetzen. Ich habe schon lange keinen Film mehr mit so egozentrischen, völlig von sich eingenommenen Hauptcharakteren gesehen. Entlarvend ist die folgende Szene:

Das Paar fährt abends mit dem Auto von einem Club nach Hause und feiert. Sie ist hochschwanger und die Diagnose „Trisomie 21“  ist schon bekannt. Statt auf den Straßenverkehr zu achten, knutschen die beiden, albern herum und verursachen einen Auffahrunfall. Nun gut, hier könnte man noch sagen: Die beiden sind in einer emotionalen Ausnahmesituation. Da ist man vielleicht mal leichtsinnig. Aber dann – statt sich bei dem anderen Autofahrer zu entschuldigen und für den Schaden aufzukommen (die beiden sind ja wohlhabend genug), schreien sie ihn an und belügen auch noch die Polizei. Sie behaupten nämlich, der andere hätte nicht geblinkt. Dabei haben die beiden gar nicht auf die Straße geschaut. Doch es kommt, wie es kommen muss. Der andere Autofahrer ist noch sehr jung, eher arm und sieht mit seiner Baseballkappe wohl so aus, wie sich die Polizei einen „verantwortungslosen Raser“ vorstellt. Da der Ehemann dann auch noch die Schwangerschaftskarte spielt – „Meine Frau ist schwanger und der fährt uns hier ins Auto. Was unserem Baby hätte passieren können … “ (na, dann sollte man vielleicht mal selbst auf die Straße schauen!) – kommen die beiden Unfallverursacher davon und der andere muss zahlen und bekommt noch die Rüge von der Polizei. Ich glaube, mehr braucht es nicht, um die Hauptfiguren des Films zu charakterisieren.

Das Ärgerliche ist gar nicht, dass der Film Charaktere dieser Art zu Hauptfiguren macht. Leider gibt es solche Menschen ja zuhauf und darum sollte Kunst sie auch darstellen. Das Ärgerliche ist, dass der Film sich völlig mit diesen Charakteren gemein macht. Die Lügerei bei der Polizei wird als „charmant“ abgetan und eine andere Perspektive – z.B. die des eigentlichen Unfallopfers – wird gar nicht zugelassen.

Leider behält der Film diese Haltung bei, als es in der zweiten Hälfte dann um das Thema „Spätabtreibung“ geht. Dabei will ich dem Film überhaupt nicht vorwerfen, hier  eine „Pro-Choice“- Haltung einzunehmen. Aber ist es deshalb nötig, jede andere Perspektive von Anfang an zu diskreditieren? Selbst die Bemerkung des Vaters, er fühle sich nicht wohl dabei, über Leben und Tod seines Kindes zu entscheiden, wird als „christliche Frömmelei“ abgetan.

Völlig absurd wird es in meinen Augen dann, wenn der Film versucht, das Thema „Spätabtreibung“ einfach aus dem Bereich des Ethischen herauszunehmen.

Zunächst heißt es: Darüber kann niemand urteilen, der nicht selbst mit einem behinderten Kind schwanger war und vor dieser Entscheidung stand. Verallgemeinert heißt das dann wohl: Niemand darf moralische Urteile über Dinge fällen, von denen er nicht betroffen ist  oder war. Tatsächlich? Ich fälle laufend solche Urteile. Ich urteile, dass es falsch ist, aus Eifersucht zu morden, obwohl mein Mann mich noch nie betrogen hat. Ich urteile auch, dass es falsch ist, im Krieg Gefangene zu foltern und zu ermorden, obwohl ich noch nie einen Krieg erlebt habe, geschweige denn, Soldatin war.

Darf ich das nicht? Wie soll dann eine allgemeine (oder kulturspezifische) Ethik funktionieren? Und wie soll eine Rechtsprechung funktionieren, die ja normalerweise auf ethischen Grundsätzen basiert, die von den Mitgliedern eines Staates oder einer Kultur geteilt werden? Oder will der Film aussagen, dass ich im Falle des eifersüchtigen Mörders oder des Soldaten schon urteilen darf (auch ohne eigene Erfahrung bezüglich Ehebruchs oder Krieges), im Falle der Spätabtreibung aber nicht? Dann wüsste ich gerne, was die Spätabtreibung von anderen moralischen Problemen unterscheidet, das ausgerechnet in diesem Fall kein moralisches Urteil eines Außenstehenden möglich ist.

Dabei will ich gar nicht behaupten, dass ich über diesen Fall urteilen könnte. Ich habe noch nie gründlich genug über das Thema „Spätabtreibung“ nachgedacht. Ich will hier gewiss nicht dafür plädieren, dass jeder einfach so den Stab über andere brechen soll. Aber zu behaupten, niemand anderes könnte urteilen und jeder sei nur sein eigener Richter, das führt die Idee von Ethik und moralischer Verantwortung ad absurdum.

Doch selbst diese Setzung von sich selbst als einzige moralische Autorität genügt dem Film nicht. Im zweiten Schritt wird dann das Kind „zum Komplizen“ seiner eigenen Tötung gemacht. Der Film behandelt das Kind ein wenig wie ein griechisches Opfertier. Ja, das klingt jetzt sehr pietätslos, aber genauso kam es bei mir an. Die griechischen Opfertiere mussten nämlich auch immer ihr Einverständnis für ihre eigene Schlachtung geben. Wie erlangt man das Einverständnis eines Stieres? Ganz einfach. Man legt etwas zu essen auf den Altar. Das Tier muss dann den Kopf neigen, um zu essen, und dies wird ihm dann als Nicken ausgelegt. Ist also so, als würde der Stier sagen: „Oh, ich liebe den Gott Zeus und kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mir hier zu seinen Ehren die Kehle durchschneiden zu lassen. Lasst euch mein Fleisch schmecken, Leute!“ Und so einfach ist man von jeder moralischen Verantwortung für den Tod des Opfertieres befreit.

Dabei möchte ich hier genauso wenig ein Plädoyer für den Vegetarianismus halten wie ein Plädoyer gegen Spätabtreibungen. Es geht mir mehr um die Art und Weise, wie hier moralische Verantwortung abgeleugnet wird. Ich esse gerne Fisch und angle auch selbst. Das kann man richtig oder falsch finden. Nicht leugnen lässt sich, dass ich für den Tod des Fisches verantwortlich bin. Ich kann mich da nicht rausreden und sagen: „Ach, der Fisch wollte es so. Mit dem Wackeln seiner Schwanzflosse hat er mir im Vorbeischwimmen deutlich zu verstehen gegeben, dass er unbedingt von mir an Land gezogen und erschlagen werden will. Ist ja nicht meine Schuld, wenn der Fisch so komische Wünsche hat…“.

Und wie erlangt der Film die Zustimmung des Kindes zur Spätabtreibung? Ganz einfach: Das Baby im Bauch bewegt sich. Das ist natürlich ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Baby Abschied nimmt und sagen möchte, dass es völlig Ok ist, wenn es jetzt getötet wird.

Dabei muss ich nochmal betonen: Meine Kritik betrifft den Film, nicht Paare, die in einer solchen Situation sind. Wenn es einem Paar hilft, von seinem Kind Abschied zu nehmen, indem es mit den Kind redet, ihm die Motive für die Abtreibung erklärt und so (zumindest im Imaginären) ein Einverständnis erreicht, dann möchte ich dagegen natürlich nichts sagen. (Es geht mich ja auch überhaupt nichts an, wie andere Paare ihre Trauer verarbeiten).

Aber von einem Film, der sich damit rühmt, einen wichtigen Diskursbeitrag zur Frage der Spätabtreibung zu leisten, erwarte ich schon ein bisschen mehr als „Das Kind war ja einverstanden“ und „Eigentlich darf sowieso niemand (außer der/die Betroffene selbst) urteilen.“

Winzige Schritte

Vorgestern kam die Einladung des SKF zum Bewerberseminar. Es wird vom 13. bis zum 15. Oktober stattfinden. Gestern habe ich unsere Anmeldung abgeschickt und unseren Teilnehmerbeitrag überwiesen. Nächsten Mittwoch ist unser Kennlerngespräch mit den Sozialarbeiter*innen vom SKF.

Es geht also weiter. In winzigen Schritten. Nach vorne oder wieder in eine Sackgasse? Ich weiß es nicht; und deshalb wage ich gar nicht, mich groß zu freuen.

All die fröhlichen Familien

Gestern hatte sie mich wieder im Griff, die Trauer. Nach dem Tiefpunkt im Sommer ging es mir nach unserem Urlaub richtig gut. Ich war erleichtert, einen Weg für die Adoption gefunden zu haben. Außerdem habe ich ein neues, interessantes Projekt auf der Arbeit und war deshalb mit meinen Gedanken anderswo.

Doch gestern war der 80. Geburtstag meines Großonkels. Ich hatte keine Lust hinzugehen. Ich habe schon gespürt, dass ich all die fröhlichen Familien nicht sehen kann, ohne wieder traurig zu werden. Aber wegzubleiben war keine Option. Mein Großonkel und meine Großtante sind selbst ungewollt kinderlos und ich weiß, wie viel es ihnen bedeutet, dass die Neffen und Nichten bzw. Großneffen und Großnichten solche Tage mit ihnen feiern. Also sind wir hingefahren.

Es war wie befürchtet. Schmerzhaft und traurig. Mein Cousin hatte seinen sechsmonatigen Sohn dabei, meine Cousine ist mit ihrem zweiten Kind schwanger. Und die Gespräche drehten sich um nichts anders als Kindergärtenplätze, Babykleider, Stillen und so weiter. Ich stand nur da und wusste nichts zu sagen. Nach dem Mittagessen sind wir erstmal für eine Weile in den Wald geflohen (zum Glück war ein großes Naturschutzgebiet in der Nähe).

Damit ihr mich nicht falsch versteht. Natürlich freue ich mich für meine Cousins und Cousinen. Einige von ihnen haben selbst einen Kinderwunschweg hinter sich. Ich habe ja schon mal erzählt, dass einige in meiner Familie dieselbe Diagnose wie ich haben, weshalb ich vermute, dass meine Unfruchtbarkeit genetisch bedingt ist. Doch bei ihnen hat es mit der Hormonstimulation geklappt. Niemand musste IVF machen. Nur bei uns nicht.

Und so sehr ich mich auch für sie freue, so ist da eben doch die Frage: Warum? Warum hat es bei uns nicht geklappt, wenn wir doch dieselbe Diagnose haben? Warum ist mein Körper so viel unfähiger? Warum sind wir gewissermaßen ‚übrig geblieben‘ und stehen jetzt hier, ohne ein Kind in den Armen, ohne ein Baby im Bauch?

 

 

 

 

Was sich ändern könnte

Im Bewerberbogen des SKF kam wieder diese Frage: „Wie glauben Sie, wird sich ihr Alltag mit Aufnahme eines Adoptivkindes verändern?“ Wir haben eher vage geantwortet, dass wir weniger arbeiten werden, mehr Zeit zu Hause verbringen, etc. Im Kennlerngespräch kommen wir bestimmt auf dieses Thema zurück. Ich möchte den Blog hier deshalb nutzen, um mir – inspiriert von diesem Beitrag in „Charlottes Adoptionsblog“ (https://charlottesadoptionsblog.com/2017/09/05/48-stunden-im-leben-einer-adoptiv-mutter-reloaded/) – zwei Tage meines Alltags genauer anzuschauen. Hoffentlich habe ich dann am 20. September eine bessere Antwort darauf, was sich ändern könnte oder sollte.

Donnerstag

5:40: Mein Wecker schellt. Ich drücke die Schlummertaste und schlafe wieder ein.

6:00: Jetzt muss ich wirklich aufstehen. Da am Vortag die Nachbarn zum Grillen da waren, haben wir noch etwas Baguette übrig. Das frühstücke ich.

6:50: Ich mache mich zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof. Unterwegs kaufe ich „Die Zeit“, um im Zug was zum Lesen zu haben.

7:20: Der Zug fährt los. Heute zum Glück pünktlich. Ich lese mich durch den Politik-Teil. Viele Pendler arbeiten ja im Zug, aber mir fehlt da die Konzentration.

8:30: Ich komme im Büro an und fahre den Rechner hoch. Gestern hat mir der Verlag Proofs von einem Buch geschickt. Ich mache mich an die Korrektur.

10:30: Kaffee-Zeit. An der Kaffee-Maschine treffe ich meine Kollegin, die mir ein paar Videos von ihrem Hundewelpen zeigt.

11:10: Eine Studentin kommt in die Sprechstunde, um über Literatur für ihre mündliche Prüfung zu sprechen. Ich gebe ein paar Literaturhinweise und erkläre – das es sich um eine Studentin im ersten Semester handelt – noch mal ganz allgemein den Ablauf der Prüfung.

12:30: Mittagspause. Ich habe mir dafür am Bahnhof einen Bagel geholt. Da es regnerisch und windig ist, gehe ich heute nicht in den botanischen Garten, sondern esse im Büro.

12:45: Weiter geht es mit der Korrektur der Proofs.

16:00: Ich nehme einer Studentin die mündliche Prüfung ab. Die Studentin ist gut vorbereitet. Die Prüfung dauert 20 Minuten. Danach trage ich die Note direkt in unser elektronisches System ein.

16:30: Endspurt mit den Proofs.

17:50: Die Proofs sind fertig korrigiert. Ich schicke sie zum Verlag zurück und fahre den Rechner runter.

18:00: Da ein Kollege Geburtstag hatte, beschließen wir (d.h. alle, die bei uns am Lehrstuhl arbeiten), noch etwas trinken zu gehen.

18:30: Wir kommen in einem kleinen Cafe an. Ich bestelle Spagetti und Schorle. Unsere Gespräche drehen sich um die Bundestagswahl, Twin-Peaks, Pläne fürs nächste Semester und unseren Sommerurlaub.

22:03: Ich nehme den Zug nach Hause.

22:50: Ich komme wieder in meiner Stadt an, muss aber noch 15 Minuten nach Hause laufen. Ben ist noch wach, als ich ankomme. Wir reden kurz, aber eigentlich will ich schnell ins Bett.

23:15: Ich gehe schlafen.

Freitag

6:30: Ich werde von Bens Wecker wach. Eigentlich wollte ich bis 7:00 schlafen. Aber da ich wach bin, kann ich auch aufstehen.

7:30: Heute kann ich im HomeOffice arbeiten. Ich setze mich also an den Schreibtisch und fahre den Rechner hoch. Erstmal die Mails lesen.

7:45: Ich beginne mit der Arbeit an einem Paper, dass ich im November einreichen muss.

11:30: Ich muss eine schwierige E-Mail schreiben. Es geht darum, dass ich ein ‚Buchvorschlag‘ für einen Sammelband schreiben muss, den ich – gemeinsam mit Kollegen – herausgeben möchte. Dafür wurden mir Abstrakts zugesagt. Die Deadline war Ende August. Die Kunst ist es nun, eine E-Mail zu verfassen, die sehr höflich ist, aber trotzdem deutlich macht, dass ich die Abstrakts jetzt WIRKLICh brauche.

12:30: Mittagspause. Da Ben heute auch zu Hause arbeitet, essen wir zusammen. Wir diskutieren einen Artikel über die Generation Y, dessen herablassender Ton uns beide geärgert hat.

13:00: Ich stelle den ‚Buchvorschlag‘ fertig, so weit dies ohne die fehlenden Abstrakts möglich ist.

15:45: Ich lese ein Paper fertig, dass ich für einen Vortrag im nächsten Semester brauche.

16:30: Feierabend und Wochenende! Ich schreibe eine Postkarte an mein Patenkind, suche ein Rezept für Kürbissuppe raus, die es zum Abendessen geben soll und lese noch zwei Online-Artikel.

17:00: Ben erklärt sich bereit, die fehlenden Zutaten für die Suppe zu kaufen. Ich ziehe mich mit dem Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn (großartiges Buch!) auf die Couch zurück.

18:10: Da Ben immer noch nicht zurück ist, schneide ich schon mal das Gemüse, das ich noch in unserem Vorratsschrank finde. Dann lasse ich die Ratten im Flur laufen (dabei muss man sie immer beaufsichtigen, sonst reißen sie die Tapeten von den Wänden – ist ihr Lieblingsspiel).

18:30: Ben kommt zurück. Ich koche die Suppe fertig.

19:15: Wir können essen. Danach macht Ben den Rattenkäfig sauber, während ich ein bisschen in der Küche aufräume.

19:45: Ich telefoniere mit meiner Mutter. Mein Neffe feiert in der nächsten Woche Geburtstag und wir reden kurz darüber, wer welches Geschenk mitbringt.

20:10: Wir wollen uns einen gemütlichen Abend machen und überlegen, was wir uns anschauen. Wir haben keinen Fernseher, aber Netflix und eine große DVD-Sammlung. Schließlich entscheiden wir uns für einen Gallo-Film.

22:00: Der Film ist zu vorbei. Wir liegen noch ein bisschen zusammen auf der Couch, kuscheln und reden über den Film.

23:30: Ich gehe ins Bett und lese noch ein paar Seiten, bevor ich einschlafe.

Kurz zusammengefasst: Es ist ein ganz beschaulicher, ziemlich stressfreier Alltag. Sicher gibt es auf der Arbeit auch stressigere Zeiten (gerade im Semester), aber eigentlich sind diese beiden Tage für meinen Alltag  recht exemplarisch. Was wird sich also ändern, wenn wir Adoptiveltern werden?

In der ersten Zeit – wenn ich in Elternzeit gehe – eigentlich  alles. Ich werde nicht mehr arbeiten, nicht mehr pendeln, sondern meinen Lebensrhythmus nach dem Baby ausrichten. Nachts wach sein, wenn es wach ist, vielleicht tagsüber schlafen, wenn es dann auch schläft.

Interessanter ist, was sich ändert, wenn das Kind alt genug für die KiTa ist und wir beide wieder arbeiten können. Nun, erstmal werde ich wohl keine 40 Stunden mehr arbeiten. Je nachdem, was für eine Art von Job Ben und ich dann haben, hoffe ich, dass wir beide auf halbe Tage oder auf 30 Stunden gehen können. Ganz zu Hause zu bleiben, kommt weder für Ben noch für mich in Frage. (Es sei denn, es treten  unvorhersehbare Umstände ein).

Für das Ausgehen mit Kollegen und das Rumgammeln auf dem Sofa nach Feierabend wird dann wohl weniger Zeit sein. Fürs Filme-Schauen auch. Dafür kann ich dann Gute-Nacht-Geschichten erzählen. Und überhaupt wird es so viele neue Dinge in meinem Alltag geben — ich kann mir das gar nicht so konkret vorstellen. Was werde ich mit einem Zweijährigen denn ganzen Tag über machen? Oder mit einem Dreijährigen? Spazieren-Gehen? Basteln? Spielen? Andere Kinder besuchen? Frühförderung?

Ich finde es sehr schwer, sich jetzt schon einen konkreten Alltag vorzustellen, ohne dass wir wissen, wie alt unser Adoptivkind sein wird, wenn es zu uns kommt, welche besondere Betreuung es vielleicht benötigt und welche Jobs wir zu diesem Zeitpunkt haben.

Das Leben im Vielleicht

Sören Kierkegaard schildert in „Entweder-Oder“ eine fiktive Auseinandersetzung eines Ethikers mit einem Ästhetiker, in der der Ethiker aufzuzeigen versucht, wie wichtig es ist, zwischen all den Möglichkeiten des Lebens eine entschiedene Wahl zu treffen. Das heißt eine Wahl, in der man das für sich Gute und das für sich Schlechte setzt.

Mich bewegt besonders, wie der Ethiker das Leben des Ästhetikers beschreibt. Für ihn ist der Ästhetiker eine Person, die sich im ewigen ‚Vielleicht‘ eingerichtet hat:

„Ich will ein Beispiel nehmen. Es müssen natürlich kühne Gegensätze sein, damit es auf Dich zutreffe: entweder Geistlicher oder Schauspieler. Hier ist das Dilemma. Jetzt erwacht Deine ganze leidenschaftliche Energie; mit ihren hundert Armen ergreift die Reflexion den Gedanken, Geistlicher zu werden. Du findest keine Ruhe, Tag und Nacht denkst Du darüber nach; Du liest alle Schriften, denen Du habhaft werden kannst, gehst jeden Sonntag dreimal zur Kirche, machst Bekanntschaften mit Geistlichen, schreibst selbst Predigten, hältst sie vor Dir selbst, ein halbes Jahr lang bist Du für die ganze Welt tot. Jetzt bist Du fertig; Du kannst jetzt einsichtiger und scheinbar erfahrener vom Amt des Geistlichen reden als mancher, der schon zwanzig Jahre lang Pfarrer gewesen ist. Es erbittert Dich, wenn du mit solchen Leuten zusammentriffst, daß sie nicht mit ganz anderer Beredsamkeit zu expektorieren wissen; ist das Begeisterung, sagst Du, ich, der ich nicht Geistlicher bin, der ich mich dem nicht geweiht habe, sich rede im Vergleich zu ihnen mit Engelszungen. Das mag durchaus möglich sein, indessen bist Du doch nicht Geistlicher geworden. Nun machst du es mit dem zweiten Problem genauso, und Diene Kunstbegeisterung übertrifft fast noch Deine geistlicher Beredsamkeit. Du bist also zum Wählen bereit. Indessen darf man sicher sein, daß bei der ungeheuren Gedankenarbeit, in der Du gelebt hast, mancherlei abgefallen ist, viele kleine Bemerkungen und Beobachtungen. In dem Augenblick daher, da Du wählen willst; kommt Bewegung und Leben in diesen Abfall; es zeigt sich ein neues Entweder-Oder: Jurist, Advokat vielleicht, das hat etwas mit beiden gemeinsam. Jetzt bist du verloren. Im selben Moment bist du nämlich gleich Advokat genug, um beweisen zu können, daß es richtig ist, auch das Dritte mitzunehmen. So geht Dein Leben dahin. Nachdem Du anderthalb Jahre an diese Überlegungen vergeudet, nachdem Du alle Kraft Deiner Seele mit bewundernswerter Energie angestrengt hast, bist Du nicht einen Schritt weitergekommen.“ (DTV 2014, S. 713-14).

Das Leben im Vielleicht wird hier also als ein Leben gezeichnet, das den Wahlmöglichkeiten und ihrer Schönheit so sehr verfallen ist, dass es nie zu einer Wahl kommt, das Leben nie eine bestimmte Form annimmt. Davor warnt der Ethiker, er beharrt auf die ethische Pflicht zur Wahl, der Pflicht, dem Leben eine Form zu geben.

Doch es gibt auch eine andere Art des Lebens im Vielleicht. Ein Leben im Vielleicht, dass sich erst nach der Wahl eines Lebensweges einstellt. Ich habe eine Wahl getroffen und lebe doch im Vielleicht. Ich habe entschieden, ein Kind zu gebären. Ich habe mit meiner Mutter und anderen Frauen darüber gesprochen, ich habe Bücher und Foren gelesen, ich habe meinen neuen Alltag geplant, ich habe darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass ein Baby in meinem Körper wächst, was es bedeutet, Mutter zu sein. Trotzdem habe ich kein Baby geboren. Weil es nicht möglich ist. Etwas, was ich in dem so bedeutungsschweren Moment der Wahl natürlich nicht wusste.

Dann gab es ein neues Entweder-Oder: IVF oder Adoption. Ich habe mich für Adoption entschieden. Und wieder bereite ich mich vor, spreche mit dem Jugendamt, lese Bücher und Foren, melde mich zu Seminaren an und ich denke nach, darüber, was es bedeutet, Mutter eines Kindes zu sein, das ich nicht geboren habe, darüber, wie unser Leben als Familie sein wird. Werde ich dadurch Mutter werden? Das steht in den Sternen. Gut möglich, dass der entscheidende Anruf nie kommt, dass es immer beim ‚Vielleicht‘ bleibt.

Dieses Art Leben im Vielleicht sieht Kierkegaards Ethiker nicht. Für ihn liegt alles im Moment der Entscheidung. Geistlicher-Werden oder nicht? Heiraten oder nicht? Kinder bekommen oder nicht? Doch für viele Menschen ist das Leben im Vielleicht nicht beendet, wenn sie sich diese Frage beantwortet haben. Für viele Menschen fängt es mit der Wahl erst an. Weil sie jahrelang um einen Studienplatz bangen müssen, weil der, den sie lieben, sich für eine Ehe noch nicht bereit fühlt, weil die erhoffte Schwangerschaft ausbleibt.

Doch lässt sich die Wahl nicht verwirklichen oder ist die Möglichkeit ihrer Verwirklichung ungewiss, dann kann es problematisch werden, so entschieden gewählt zu haben, das heißt, die andere Option als das für sich Schlechte gesetzt zu haben.

Objektiv betrachtet ist ein Leben ohne Kinder natürlich nicht schlechter als ein Leben mit Kindern. Doch ich habe genauso entschieden gewählt, wie es Kierkegaards Ethiker verlangt. Ich habe eine Wahl getroffen und will es nun so absolut, dass mir die Alternative – ein Leben ohne Kinder – unerträglich erscheint. Das hat sich als Falle erwiesen. Ich wünsche nun, ich wäre ein kleines bisschen mehr wie Kierkegaards Ästhetiker. Dann könnte ich all die Möglichkeiten, die mir ein kinderloses Leben bieten würde, vielleicht wenigstens ein bisschen schätzen.