Ion – Eine antike Adoptionsgeschichte

Seitdem wir uns für die Adoption bewerben, habe ich ein ganz besonderes Interesse an Adoptionsgeschichten aller Art entwickelt. Eine der interessantesten Adoptionsgeschichten aus der Antike scheint mir Euripides Tragödie Ion zu sein.

Die Handlung lässt sich grob wie folgt zusammenfassen: Kreusa und ihr Ehemann Xuthos, die Herrscher von Athen, kommen nach Delphi, um sich von Apollons Orakel Rat wegen ihrer Kinderlosigkeit zu holen. Kreusa trägt ein schreckliches Trauma mit sich. Als junges Mädchen wurde sie vom Gott Apollon vergewaltigt und gebar ein Kind. Aus Angst vor ihren Eltern setzte sie das Kind in einer Höhle bei der Akropolis aus. Seither fürchtet sie, ihr Kind sei von wilden Tieren getötet worden und hofft zugleich, der Vater habe es gerettet.

In der Tat hat Apollon das Kind von seinem Bruder Hermes nach Delphi bringen lassen, wo es als Waise im Tempel aufwächst. Apollon schützt den Jungen, doch ohne Eltern hat der Junge – trotz seiner göttlichen Herkunft – nur den Status eines Sklaven. Als nun Kreusa und Xuthos nach Delphi kommen, nutzt Apollon die Gelegenheit, um seinen Sohn einen Status zu verschaffen, der seiner göttlichen Herkunft entspricht. Er soll König von Athen werden.

Apollon macht Folgendes: Als Xuthos das Orakel um Rat fragt, lässt Apollon verkünden, die erste Person, die Xuthos’ beim Herausgehen aus dem Tempel trifft, sei sein Kind. Er trifft Apollons und Kreusas Sohn, der die Tempelstufen reinigt. Xuthos  versteht den Orakelspruch so, dass dies sein leiblicher Sohn sei, den er – unwissentlich – vor seiner Ehe bei einem Bacchus-Fest zeugte und den die Mutter am Tempel aussetzte. Er nennt den Jungen „Ion“.

Kreusa ist entsetzt, als sie von Xuthos’ plötzlichem Kinderglück erfährt. Sie fürchtet, um ihre Stellung als Ehefrau. In ihrer Wut beschließt sie, Ion zu vergiften. Doch Apollon warnt Ion mit Hilfe seiner Tauben. Kreusa wird zum Tode verurteilt und flüchtet an Apollons Altar. Dort trifft sie auf Ion und die Seherin Pythia. Pythia hat von Apollon den Auftrag, Ions wahre Herkunft aufzudecken und bringt den Korb, in dem Ion gefunden wurde. Kreusa erkennt den Korb und begreift, dass Ion ihr leiblicher Sohn ist. Nun hat sie natürlich keine Einwände mehr dagegen, Ion in ihr Haus aufzunehmen. Xuthos, Kreusa und Ion kehren nach Athen zurück und Ion wird – wie von Apollon geplant – König. Xuthos erfährt niemals, dass er durch den Orakelspruch getäuscht wurde.

Schon die Grundkonstellation ist bemerkenswert. Wir haben einen Adoptivvater, der fest überzeugt ist, der leibliche Vater zu sein. Und wir haben eine leibliche Mutter, die nur dadurch, dass sie die Adoptivmutter spielt, ihre Mutterrolle einnehmen und ihren Sohn zu ihrem Erben machen kann, Und dann haben wir natürlich noch die Pythia, die im eigentlichen Sinne Ions ‚soziale Mutter‘ ist.

Neben diese Grundkonstellation erhält das Stück viele Themen, um die sich zur Zeit auch meine Gedanken drehen. Gewiss, wenn man gerade wegen seiner Kinderlosigkeit sehr traurig ist, ist das Stück kaum aufmunternd, denn das kinderlose Leben wird dort mit Versen wie diesen in düsteren Farben gemalt: „Höher als Gold und Gut / Und Königsgemächer / Acht ich Kinderglück im Hause. / Das Leben ohne Kind / Und die es noch preisen, veracht ich. / Sei mir kleiner Besitzt, / Doch der Kinder Glück beschieden!“ (485-491).

Besonders packend ist Ions schwanken zwischen seiner sozialen Familie in Delphi und seinen – realen oder vorgeblichen – leiblichen Eltern, die er nun wiederfindet. So drückt er immer wieder die Sehnsucht danach aus, zu erfahren, wer seine leibliche Mutter ist: „Liebe Mutter, wann geschieht es, / Daß auch dich mein Aug erblickt?/ Mehr als je trag ich Verlangen, / Dich zu sehn, wer du auch bist. / Ach, vielleicht bist du gestorben / Und wir können es nicht mehr.“ (563-565)

Doch als sich Xuthos Ion als dessen (vermeintlicher) leiblicher Vater offenbart, zögert Ion, mit ihm nach Athen zu gehen (trotz der Königswürden, die er dort in Aussicht hat). Denn neben dem Wunsch nach seinen leiblichen Eltern steht seine Liebe zu seiner sozialen Familie in Delphi: „Du fragst, was Delphi mir geboten hat: / Vor allem Muß, unser schönstes Glück, / und wenig Volks. Kein Schlechter drängte mich / aus meiner Bahn; denn das erträgt man schwer, / Wenn man vor solchen immer wachen muß. / Gebet und Opfer einten mich mit Gott / Und frohen Menschen, wenig traurigen. / Kaum schieden Gäste, kamen neue an, / Und neuen Freunden war ich neuer Freund. / Was Menschen wider Willen doch beglückt: / Gerecht vor Gott hat mich mein Amt gemacht / und eigne Art. Bedenk ich alles dies, / so leb ich, Vater, lieber her als dort. / Laß mich hier bleiben! Glück ist immer Glück, / Ob uns das Große, ob das Kleine freut.“ (634-647).

Schön ist auch die Namensgebung des Sohnes. Xuthos nennt ihn „Ion“ (also: „Der kommt“) – was für ein schöner Name für ein (Adoptiv-)Kind: „Ion, ‚der kommt‘: so bist du mir genannt, / Da du als Erster mir entgegenkamst“. (661-662).

Interessant ist auch, dass hier das Ideal formuliert wird, dass Eheleute ein Schicksal wie Kinderlosigkeit miteinander teilen sollen: „Ob unser Herr die Unglück mit dir teilt, / Ob es nur dir allein beschieden ist“ – / Mein Alter, Phoibos gab ihm einen Sohn, / Er selbst ist glücklich, aber ohne sie!“ (771-775).

Ganz besonders interessant für mich ist natürlich die Beziehung zwischen Ion und der Pythia (der Seherin), die seine soziale Mutter ist: „Halt ein, mein Sohn! Vom heilgen Seherraum / Tret ich hier vor die Schwelle, Priesterin / Des Phoibos, Hüterin des alten Brauchs / Am Dreifuß, Delphis auserwählte Frau. – / O liebe Mutter, die mich nicht gebar! – / Gib mir den Namen, der mich froh begrüßt.“ (1320-1325). Und trotz der  innigen Beziehung ist die Pythia bereit, ihren Ziehsohn an die Eltern zu geben, die Apollon bestimmt hat: „Da sie du zu! Und nur dem Gott zulieb / Zog ich dich groß und geb dir heut zurück, / Was er mich ungeheißen finden ließ. / Warum er es so wollte, weiß ich nicht. / Kein Mensch erfuhr, daß ich die Dinge barg, / kein Mensch erfuhr die Stelle, wos geschah. / Leb wohl, den ich wie eignes Kind geliebt! / Nimm jetzt die Fährte deiner Mutter auf“ (1357-1364).

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Und wieder ist Advent

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Einmal kommt auch eure Zeit.

Morgen ist’s noch nicht so weit.

(Verse aus Kästners „Weihnachtslied, chemich gereinigt,

leicht anders zusammengestellt)

Der Advent beginnt wieder. Die Zeit der Träume. Die Zeit des „Im nächsten Jahr werden wir ganz bestimmt zu dritt sein.“

Im letzten Advent war ich so hoffnungsvoll, dass wir in diesem Jahr mit unserem Kind  Weihnachten feiern können. Und hätte das Seminar im Juli stattgefunden, dann wären die Chancen darauf gar nicht so schlecht gewesen. Was für eine ganz andere Adventszeit hätten wir in diesem Jahr erleben können!

Seit dem Sommer haben wir gehofft, dass das Seminar in der ersten Dezemberwoche stattfindet. Morgen hätte es losgehen sollen. Was für ein schöner Auftakt in die Weihnachtszeit! Wie viel Farbe hätte das meinen Träumen gegeben können? Das „Im nächsten Jahr ganz bestimmt…“ hätte einen viel schöneren Klang bekommen.

Doch stattdessen warten wir wieder. Wir warten, bis die Advents- und Weihnachtskerzen in den Kirchen erlöschen und das Kreuz hinter dem Fastentuch verborgen wird. Wir warten, bis wir am Palmsonntag mit Buchbaumzweigen um die Kirche laufen und am Karfreitag die Glocken verstummen.

Und wenn dann die Osterfeuer erloschen sind, ja dann kann es vielleicht – wenn es genug Bewerber gibt – endlich weitergehen. Mit etwas Glück sind wir dann im Frühsommer offiziell anerkannte Adoptionsbewerber und vielleicht, ganz vielleicht, werde ich dann im nächsten Jahr am ersten Advent nicht traurig sein. Vielleicht werde ich dann mit unserem Kind im Arm die erste Kerze entzünden und ihm – auch wenn es das noch nicht versteht – eine ganz eigene Weihnachtsgeschichte erzählen. Die Geschichte des langen Weges, den es gebraucht hat, bis es zu uns kam…

 

 

Erfahrungsausstausch

Gestern fand der letzte Teil des Bewerberseminars in meiner „Arbeitsstadt“ statt, der Erfahrungsaustausch mit Adoptiv- und Pflegeeltern. Ein Adoptiv- und ein Pflegeelternpaar haben von ihrem Leben mit ihren Adoptiv- und Pflegekindern erzählt und wir konnten Fragen stellen. Alle wichtigen Themen des Seminars – ‚Aufklärung‘ der Kinder, Haltung zur Herkunftsfamilie, Umgang mit traumatischen Erfahrungen, Identitätsbildung – kamen noch einmal zur Sprache, aber es ist natürlich etwas ganz anderes, von Betroffenen etwas darüber erzählt zu bekommen.

Insgesamt hat uns der Abend noch einmal in unserem Beschluss  bestärkt, Adoptiveltern werden zu wollen. Trotzdem endete er in einer Enttäuschung.

Ich hatte ja berichtet, dass es für uns wohl keinen Sinn macht, uns beim SkF meiner „Arbeitsstadt“ zu bewerben, da sie Bewerber nur akzeptieren, wenn zuvor das Jugendamt entschieden hat. Doch in den letzten Wochen habe ich wieder etwas Hoffnung gehabt, da unsere Jugendamtsmitarbeiterin meinte, wenn wir die ärtzlichen Gutachten einreihcen, könne sie uns die formale Eignung bestätigen und dies müsste für das Verfahren beim SkF reichen.

Unser Plan war also, jetzt schnell die Unterlagen bei unserem Jugendamt einzureichen und uns dann beim SkF zu bewerben. So wären wir bis April wenigstens ein wenig weiter gekommen.

Und was mussten wir gestern hören? Bis Mai nimmt der SkF meiner „Arbeitsstadt“ keine neuen Bewerber auf, da eine Mitarbeiterin bald in den Ruhestand geht und sie erst mit den Gesprächen und Hausbesuchen weiter machen, wenn eine neue Kollegin eingestellt wurde. Also frühestens im Mai (wahrscheinliche eher später). Also auch hier kein Weiterkommen vor dem Frühling.

Ich weiß, das ist schwer zu glauben. Wirkt ein wenig, als wollte ich mit all den Berichten über Terminabsagen- und verschiebungen nur etwas „zusätzliche Spannung“ in den Blog bringen. Ich glaube es ja selbst kaum. Doch es stimmt.Wir werden von einem zum anderen geschickt und hören am Ende immer nur „Leider haben wir gerade nicht genug Bewerber/Mitarbeiter, etc. und können ihre Bewerbung deshalb zur Zeit nicht weiterbearbeiten …“(So viel also auch dazu, dass private Stellen zuverlässiger sind als staatliche. Same shit everywhere!)

 

 

Und was nun?

Gestern Abend kam mal wieder die Frage auf: Wie soll es jetzt weiter gehen? Dabei bin ich dieses ewige Überlegen und Abwegen langsam so leid.

Bis April werden wir natürlich jetzt erstmal warten, ob das Seminar stattfindet. Aber dann? Wenn sie das Seminar dann wieder um ein halbes Jahr oder so verschieben, dann lohnt sich eine Bewerbung hier für uns kaum noch. Im September 2019 läuft ja schon meine Stelle aus. Das heißt, irgendwann im Herbst 2018 muss ich mal anfangen, nach neuen Stellen zu suchen. Dann sitzen wir also fast schon wieder auf gepackten Koffern. Das heißt natürlich nicht, dass wir direkt umziehen. Aber im Juni 2019 habe ich entweder eine neue Stelle für den Herbst oder ich muss mich erstmal arbeitslos melden. In beiden Fällen ist unsere Bewerbung hier dann wahrscheinlich Geschichte. (Das ich hier in der Gegend einen neuen Job finde, ist so unwahrscheinlich, dass ich diese Möglichkeit hier außen vor lasse).

Die Frage ist, was dann? In einer neuen Stadt noch einmal ganz von vorne anfangen? Das wäre eine Möglichkeit. Aber wir müssen uns natürlich auch fragen, wie lange wir warten wollen, das es mal klappt mit der Anerkennung. Wenn es hier in zwei Jahren nicht geklappt hat, was für Wartezeiten erwarten uns dann anderswo?

Und ich muss mich natürlich auch fragen, wie weit ich die Adoption bei meinen Bewerbungen berücksichtigen will. Karrieremäßig wäre es für mich eigentlich der nächste logische Schritt, für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Wenigstens für 2-3 Semester. Vielleicht mit einem Alexander von Humboldt-Stipendium oder so. Doch das würde heißen, ab Herbst 2019 erstmal keine weitere Adoptionsbewerbung zu versuchen. Wenn wir hingegen unbedingt an dem Versuch festhalten wollen, uns um eine Adoption zu bewerben, dann ist es wohl sinnvoller, dass ich mich von Anfang an nur innerhalb von Deutschland bewerbe. Dann heißt es: Das gleiche Spiel in der nächsten Stadt noch einmal…

Viele Fragen. Eigentlich möchte ich an der Adoption festhalten, unbedingt. Doch manchmal geht mir das ganze Theater so auf die Nerven, dass ich nur noch denke: Besser weg hier. (Ich hätte nie gedacht, dass schon die Anerkennung so schwierig wird. Die richtige Warterei beginnt doch eigentlich erst, nachdem man auf der Bewerberliste steht. Dachte ich jedenfalls).

P.S.

Noch ein kurzer Nachtrag zum letzten Beitrag. Meine Kritik richtete sich nicht gegen die stoische Philosophie. Senecas Trostschrift an Marcia ist beispielsweise ein wunderschöner Text, der mich in der Tat schon das ein oder andere Mal getröstet hat. Dagegen richtete sich mein „Bla-Bla“ nicht. Es richtete sich an die moderne Gewohnheit (von der ich auch nicht frei bin), antike Texte völlig aus ihrem Kontext zu reißen und als eine Art von ‚Kalendersprüchen‘ im Kontext einer wenig fundierten „Denk-doch-einfach-positiv-und-be-happy“-Weisheit zu zitieren. Dagegen richtete sich das „Bla-Bla“, nicht gegen die eigentlichen Stoiker. (Das musste ich als Frau vom Fach noch mal klarstellen).

 

Unser Vorweihnachtsgeschenk: Zusätzliche 2688 Stunden Warten

Nun  steht es fest: kein Seminar im Dezember. Nächter Terminvorschlag ist die Woche nach Ostern.

Das heißt: Zusätzliche 2688 Stunden Warterei, dies entspricht 112 Tagen bzw. 16 Wochen.

Und das Schlimmste: Selbst die Woche nach Ostern ist ja nur ein Terminvorschlag. Bis dahin kann viel passieren. Vielleicht wird ein Bewerberpaar schwanger, vielleicht bekommt eines der auswertigen Bewerberpaare  ein Kind vom ‚Heimatjugendamt vermittelt. Diese Szenarien kennen wir ja inzwischen zu genüge. Und vielleicht heißt es dann kurz vor Ostern wieder: Leider sind wir nicht mehr genug Seminarteilnehmer. Und das Seminar muss auf den Sommer/Herbst 2018 verschoben werden.

So könnte es immer weiter gehen. Ist ja auch ein Weg, sein Leben zu verbringen…

Ich könnte jetzt irgendwas Aufmunterndes, vielleicht etwas Stoisches anmerken. Irgendwas nach dem Motto (Achtung, kein Zitat. Nur eine grobe und nachlässige Zusammenfassung): „Wünsch dir nur, was in deiner Hand liegt und akzeptiere, was du nicht ändern kannst, dann wird dein Leben glücklich dahingehen.“ Oder irgendein ähnliches Bla-Bla.

Ich halte es heute – in überdramatischer Weise – aber lieber mit Lessing und seiner „Emilia Galotti“ (ebenfalls kein exaktes Zitat): „Wenn man über gewisse Dinge seinen Verstand nicht verliert, dann hat man wohl keinen zu verlieren.“

 

Die Schwierigkeit beim Sich-Einstellen einer ‚Herzensschwangerschaft‘

Man sagt ja manchmal, eine Adoptivmutter sei von dem Moment an, da das Paar die Anerkennung als Adoptivbewerber erhalten hat, im Herzen schwanger und mit dem Anruf würde dann das Herzenskind geboren. Bisher habe ich das immer für eine etwas kitschige Metapher gehalten, die den Unterschied zwischen leiblicher und sozialer Elternschaft ‚überbrücken‘ soll. Doch nun scheint mir, dass doch mehr daran sein könnte.

Jedenfalls fühlt sich der Weg zur Anerkennung für mich momentan gar nicht so anders an wie der zum positiven Schwangerschaftstest…

Wir haben noch nichts vom Jugendamt wegen des Seminars gehört. Vermutlich hat sich das Paar, was am Donnerstag zum Erstgespräch da war, noch nicht entschieden. Also warten wir. Und ich schöpfe mal wieder unsinnige Hoffnungen.

Nun kommen viele Gefühle hoch, die mir aus meiner aktiven Schwangerschaftswunsch-Zeit nur allzu vertraut sind. Da ist zunächst das Sich-Festklammern an jedem noch so kleinen Hoffnungsschimmer, obwohl man längst weiß, dass es nicht gut aussieht. So wie damals, wenn ich längst Anzeichen für das Einsetzen der Blutung fühlte, immer noch gedacht habe: „Es kann doch geklappt haben. Meine Brüste, mein Bauch, irgendwas fühlt sich anders an. Es muss einfach anders sein. Es kann gar nicht wieder nicht geklappt haben.“ Und jetzt denke ich: „So eine Terminverschiebung, dass kann uns nicht zweimal passieren. Das andere Paar sagt bestimmt noch zu. Sie brauchen vielleicht bloß länger, um alles auf der Arbeit zu klären. Sie müssen einfach zusagen. Es kann doch nicht wieder passieren!“

Und dann ist da dieser völlig absurde Gedanken, dass einen Gott/das Universum/das Karma, etc. für vernünftiges (oder gutes) Verhalten mit Erfolg belohnen müsste. Damals dachte ich: „Ich habe seit Monaten kein Fleisch mehr gegessen (um die Tiere nicht leiden zu lassen, siehe ‚Karma‘). Ich habe keinen Alkohol und keinen Kaffee getrunken. Ich bin nicht tanzen gegangen, um keine unnötigen Erschütterungen zu verursachen. Ich habe jeden Tag eklige Vitamin-Brause getrunken. Jetzt kann doch kein Blut kommen. Jetzt können die mir doch am Telefon nicht sagen, dass der Test wieder negativ ist. Das darf einfach nicht stimmen.“ Jetzt denke ich: „Wir haben wieder auf die IVF verzichtet, um nicht lügen zu müssen und um uns ganz auf das Adoptivkind einlassen zu können. Wir habe so viele Bücher gelesen, um uns vorzubereiten. Wir haben unser ganzes Leben offengelegt. Wir haben wieder gewartet und wieder vertraut. Jetzt kann doch nicht wieder etwas dazwischen kommen. Das ist unmöglich. Das kann nicht wahr sein. Wo ist da die Gerechtigkeit?“

Und schließlich die Verleugung. Damals habe ich oft, selbst wenn die Blutungen schon so stark waren, dass man sie sich beim besten Willen nicht mehr schönreden konnte, es trotzdem nicht glauben können (oder wollen) und einen Schwangerschaftstest gemacht. Und selbst wenn das Ergebnis von der Klinik kam, war da manchmal der Gedanke, dass sich ein Labor ja auch mal irren kann… Und heute: Ich warte auf die E-Mail vom Jugendamt, ich will Gewissheit. Trotzdem, wenn die Nachricht in meinem E-Mail-Fach liegt, werde ich lange zögern, sie zu öffnen. Und wenn ich sie gelesen habe und das Seminar wieder ausfällt, werde ich noch viele Tage lang in meine E-Mails schauen und denken: Vielleicht kommt noch eine Nachricht. Vielleicht haben sie es sich anders überlegt. Vielleicht ist irgendwo her doch noch ein Bewerberpaar aufgetaucht.

Ich weiß nicht, ob es sich wie eine ‚Herzensschwangerschaft‘ anfühlen wird, wenn irgendwann doch mal die Anerkennung als Adoptivbewerber in unserem Postkasten liegt. Aber der Weg dahin? Doch, der fühlt sich manchmal so an wie das verzweifelte Warten auf eine Schwangerschaft.

Wieder auf der Kippe

Am Montag Nachmittag hatte ich ein langes und nettes Gespräch mit unserer Jugendamtsmitarbeiterin. Leider steht das Seminar tatsächlich wieder auf der Kippe. Von den ursprünglich fünf angemeldeten Paaren haben zwei abgesagt, da ihne von ihren ‚Heimatjugendämtern‘ (es waren also Bewerber von außerhalb) in den letzten Wochen Kinder vermittelt wurden.

Wir sind also noch drei Paare. Die Stadt zahlt das Seminar aber nur, wenn es mindestens vier Paare sind. Wieder diese Zahlenmagie. Die Mitarbeiterin hat mir erzählt, dass sie am Donnerstag noch ein Erstgespräch mit einem interessierten Paar hat und falls das Paar kurzfristig Interesse und Zeit hat, an dem Seminar teilzunehmen, kann es stattfinden, sonst nicht. Entscheiden wird sich dies am Freitag.

Ich mache mir aber nicht mehr viele Hoffnungen auf ein Seminar im Dezember. Es wäre schon ein großes Glück, wenn sich das Paar so schnell entschließen würde und dann auch beide so kurz vor Weihnachten ohne lange Vorankündigung Urlaub bekommen. Der nächste mögliche Termin für ein Seminar wäre Anfang April, in der Woche nach Ostern.

Ganz hoffnungslos hat mich der Anruf aber trotzdem nicht zurückgelassen. Denn zum einen hat sich die Mitarbeiterin bereit erklärt, zumindest schon mal unsere formale Eignung zu prüfen. Wir können also bald die ärztlichen Gutachten und das Führungszeugnis einreichen. Dann wissen wir zumindest schon mal, das in dieser Hinsicht alles in Ordnung ist. Außerdem hat sie mir gesagt, dass sie sich von unseren bisherigen Gesprächen her eine Zusammenarbeit mit uns gut vorstellen kann und dass wir nicht denken sollen, dass die ewigen Verschiebungen des Seminars daher rühren, dass sie uns als Bewerber nicht schätzen würden. Das ist ja auch schon mal beruhigend zu wissen. Wenn wir uns in dem Seminar – sollte es denn mal stattfinden – nicht ganz furchtbar verhalten, sollte unserer Anerkennung wohl eigentlich nichts im Weg stehen.

Doch diese eigentlich positive Perspektive verstärkt auch meine Ungeduld: Es ist doch eigentlich alles gut. Bitte, bitte, liebes Seminar, finde endlich statt!!

Ein Wochenend-Rätsel

Am Freitag war ich ganztägig auf einer Fortbildung und bin deshalb ausnahmsweise nicht dazu gekommen, vor Feierabend meine E-Mails zu lesen. Am Freitag Abend fand ich dann die folgenden Nachricht vom Jugendamt in meiner Mailbox.

„Betreff: Adoptionsbewerbung

Liebe Frau X, lieber Herr X,

bitte melden Sie sich in den nächsten Tagen mal telefonisch bei uns in der Vermittlungsstelle.

Mit freundlichen Grüßen,

YY“

Natürlich war am Freitagabend niemand mehr im Jugendamt erreichbar. Am Wochenende  auch nicht. Wir müssen also bis Montagmorgen warten, ehe wir zurückrufen können.

Und nun quält uns natürlich die Frage: Warum geht es?

Wir fürchten ja, dass das Seminar, was eigentlich am 04.12. beginnen sollte, wieder verschoben werden muss und das Jugendamt uns dies mitteilen möchte. Aber könnte man das nicht auch in die Mail schreiben? Oder zumindest andeuten, dass es um das Seminar geht?

Außer dem Seminar fällt uns aber auch nicht viel ein, um was es sonst gehen könnte. Vor allem nichts, was man nicht einfach in einer Mail klären könnte. Wenn das Jugendamt noch irgendeine Information oder irgendein Formular von uns benötigen, könnte die Mitarbeiterin uns das doch auch einfach schreiben, oder? Diese Mail ist wirklich maximal uninformativ…

Ein klein wenig schleicht sich nun auch die Hoffnung ein: Vielleicht ist es ja eine gute Nachricht. Vielleicht werden Eltern für ein Kind gesucht und sie fragen auch Paare, die noch im Bewerbungsverfahren sind, weil in einem besonderen Fall keines der anerkannten Bewerberpaare in Frage kommt oder diese aus irgendeinem Grund abgelehnt haben…

Ja, ich weiß, wie dumm und naiv eine solche Hoffnung ist. Ginge es wirklich um ein Kind, hätte das Jugendamt sicher selbst versucht, uns anzurufen und nicht nur eine kurze Mail geschrieben, die nicht mal irgendeine Form von Dringlichkeit ausdrückt. Trotzdem ist es schwierig, sich keinerlei Hoffnung zu machen. Ich wünschte, das Jugendamt hätte in der Mail wenigstens angedeutet, warum es beim Telefonat gehen soll.

So schwanke ich nun zwischen Verzweiflung (bestimmt fällt das Seminar wieder aus) und dummen Hoffnungen. Dazwischen die Vernunft, die sagt, dass es bestimmt um irgendetwas völlig Banales geht, was weder gut noch schlecht ist. Ich wünschte, es wäre schon Montag.

 

Halloween

Am Dienstag haben Ben und ich mit unseren Freunden zum ersten Mal so richtig Halloween gefeiert: mit Kostümen, einer dekorierten Wohnung und „schaurigem“ Büffett, Kurzfilmprogramm und Spielen. Und heute beginnt für mich schon die Weihnachtszeit. Ich weiß, es ist dafür eigentlich noch ein bisschen früh. Aber bei uns im Dorf ist am Wochenende nach Allerheiligen immer ein großer Markt, mit dem für mich seit meiner Kindheit die Weihnachtszeit anfängt. An diesem Wochenende habe ich mit meiner Mutter immer die ersten Plätzchen gebacken und in der Woche darauf haben wir begonnen, das Haus zu dekorieren. Heute Mittag fahre ich mit meiner Schwester zu uns ins Dorf, um auf den Mark zu gehen und dann beginnt die Weihnachtsstimmung…

Viele mögen Halloween ja nicht so sehr, da dies bei uns kein traditionell verwurzelter Festtag ist. Gerade das empfinde ich im Moment aber als ganz angenehm. Als Kind habe ich nie Halloween gefeiert. Es gibt keine „romantisierten“ Kindheitserinnerungen. Und es ist deshalb auch kein Feiertag, von dem ich mir schon hundertmal vorgestellt habe, wie ich ihn feiern würde, wenn ich mal Kinder habe. Halloween ist für mich gewissermaßen „unbelastet“ von der ganzen Kinder- und Familienthematik. Ohne all die Wehmut können Ben und ich uns für diesen Tag unsere eigenen, für uns als kinderloses Paar passenden Traditionen schaffen.

Das heißt nicht, das ich Weihnachten nicht mag. Allein wegen des religiösen Hintergrundes bedeutet mir das Fest viel. Aber ich mag auch meine „romantisierten“ Kindheitserinnerungen, das Weiterleben-Lassen der Traditionen, die ich von meiner Mutter gelernt habe (backen, dekorieren, Geschichten erzählen, etc.) und das Zusammensein mit meiner Familie, besonders die Freude meiner Neffen und Nichten. Doch seit wir ungewollt kinderlos sind, schwingt in all dem eben auch immer eine gewisse Traurigkeit oder Wehmut mit. Da ist es schön, Halloween als einen „neuen“ Feiertag zu haben, der von all dem frei ist.

Du kannst doch nicht einfach „Nichts tun“…

Bei einer unserer Ratten wurde diese Woche ein Tumor diagnostiziert, der Teile der Gebärmutter nach unten aus den Körper drückt. Es besteht das Risiko, einer Gebärmutterinfektion, die meist zum Tod führt. Der Arzt hat uns drei Möglichkeiten geboten: große Operation mit Entfernung der Gebärmutter, kleine Operation, bei der die nach unten gedrückten Teile wieder in den Körper geschoben und der Zugang zur Gebärmutter verschlossen wird oder „Nichts-Tun“ und abwarten.

Von der großen Operation hat der Arzt abgeraten. Eine Ratte in dem Alter (über 2 Jahre) habe kaum Chancen, so einen Eingriff zu überleben. Es blieben also zwei Möglichkeiten: kleine Operation oder „Nichts-Tun.“

Letztlich haben wir uns für das „Nichts-Tun“ entschieden. Es sprach einfach zu viel gegen die Operation: Der Krebs wäre damit nicht geheilt, sondern der Tumor würde weiter gegen die Gebärmutter drücken und sie ev. gegen andere Organe schieben. Es besteht die Gefahr, dass die Gebärmutter weiter blutet und das Blut nicht mehr abfließen kann. All das würde ebenso zum Tod führen wie eine Gebärmutterentzündung und wäre auch nicht weniger schmerzhaft. Und schließlich ist auch zu bedenken, dass eine Operation und die damit verbundene Trennung von den Artgenossen für eine Ratte eine enorme Belastung ist. So bitter es klingt: Eine Ratte ist mit 2  Jahren und ein paar Monaten alt. Ihre Lebensspanne ist so gut wie abgelaufen. Hoffnungen auf eine dauerhafte Besserung gibt es nicht (vor allem, da der Tumor wahrscheinlich bösartig ist). Die Frage ist nicht mehr, wie ihr Leben gerettet werden kann, sondern wie ihr Tod möglichst wenig qualvoll ist.

Die letzten Tage haben mir wieder gezeigt, wie sehr man sich heute für ein „Nichts-Tun“ rechtfertigen muss. Gerade in „Ratten-Foren“ gilt man schnell als eine Art von Monster, dass entweder zu geizig für die Tierarztkosten ist oder sich einfach nicht um seine Ratte schert. Immer wieder dieses „Aber kannst du es denn ertragen, wenn die Ratte deinetwegen stirbt.“ Als hätte ich die kurze Lebensspanne von Ratten festgelegt oder ihr die Tumorzellen mit Absicht in den Körper gestreut…

In einen ähnlichen Rechtfertigungsdruck gelangt man häufig auch beim Kinderwunsch. Wenn wir erzählen, dass wir die medizinischen Behandlungen aufgegeben haben, obwohl wir eine gute Prognose für eine IVF hatten, dann reagieren die meisten mit Unverständnis. Und oft hören wir – mal offen, mal impliziert – die Fragen: Wollt ihr überhaupt wirklich Kinder? Ist euch nicht doch anderes wichtiger?

Als wäre es der einzige Beweis für die Echtheit eines Wunsches, dass man bereit ist alles (aber auch wirklich alles) für seine Verwirklichung zu tun. Genauso wie es für einige Menschen der einzige Beweis für die Liebe zu einem Haustier zu sein scheint, dass man es zu jeder Behandlung (und sei sie noch so schmerzhaft und wenig aussichtsreich) in die Tierklinik bringt.

Ich habe hingegen andersrum gefragt, als ich nach einer Entscheidung für unsere Ratte gesucht habe. Ich habe mich nicht gefragt, warum ich die Operation nicht machen sollte, sondern warum ich sie machen sollte. Für mich hätte schon etwas eindeutig dafür sprechen müssen, um unser Ratte die mit der Operation verbundenen Schmerzen und die Trennung vom Rudel zuzumuten.

Beim Kinderwunsch ist es natürlich schwieriger: Es spricht vieles für eine IVF und hätten wir das damals gleich gemacht, wären wir heute vielleicht schon Eltern. Trotzdem frage ich mich: Ist es sinnvoll,  einen Wunsch nur als „echt“ und „ernsthaft“ gelten zu lassen, wenn man bereit ist, jedes (legale) Mittel zur Befriedigung des Wunsches einzusetzen? Bei Platon ist ja ein Wunsch, der die gesamte Seele und jede Handlung des Menschen in Beschlag nimmt, eine „inner-seelischer“ Tyrann. Ein tyrannischer Wunsch ist aber nicht „echter“ oder „ernsthafter“ als ein besonnerer Wunsch, nur gewaltsamer.